Domestikations- und Kulturgeschichte

Inhaltstoffe und Wirkung

Redewendungen rund um die Tomate: "Du treulose Tomate" Herkunft dieses Spruches X).; "Du hast wohl Tomaten auf den Augen" ;  Slogans rund um die Tomate: Anti-Matsch-Tomate; Long-Life-Tomato,  Songs: Tomatenfisch von den "The Inchtabokatables" … "All I want is a nice young Tomatenfisch" ;  The Ketchup Song von "Las Ketchup"

Als Kind habe ich keine rohen Tomaten gemocht, weil sie in meinem Hals Kratzen verursacht haben. Die Ursache dafür war das Solanin welches zudem bitter schmeckt und bei empfindlichen Personen im Übermaß genossen, einen "schweren" Magen verursacht. Die Menschen wussten aber aus Erfahrung, dass ihnen die grünen, besonders alkaloidhaltigen Pflanzenteile nicht wohl bekamen. Weswegen Kartoffeln geschält und unreife Tomaten (etwa Grüne-Tomaten-Chutney) vorab mehrfach mit Salz bestreut und das gezogene Wasser abgeschüttet wurde. Reife Tomaten sind hingegen durchweg äußerst gesund: neben vielen Mineralstoffen u.a. Kalium enthalten sie antioxidant wirkende Carotinoide, wie das Lycopin und die Vitamine E und C X) . Nach WILLFORT (1978) hat die Tomate sogar zusammen mit Spinat die Österreicher nach dem zweiten Krieg vor der B1-Mangelkrankheiten BeriBeri bewahrt. Ihr Folsäuregehalt trägt obendrein zur Gesundheit von Schwangeren und Ungeborenen bei X).

In der Homöopathie gibt es die Anwendung von Tomatenglobuli bei Fettleibigkeit und Rheuma. X) Viel mehr esoterische (alternativmedizinische) Betrachtungsweisen zur Tomate gibt es darüber hinaus, meines Wissens aber, nicht. Vielleicht liege ich nicht ganz falsch, wenn ich die von FUCHS (1679) beim Schwarzen Nachtschatten angegebene Wirkung auf die Tomaten übertrage: "kalt im anderen Grad und zeucht zusammen … Nachtschattenblätter mit Salz zerrieben auf Grind zum Erweichen gelegt, gegen Eyter und Podagram" . Hinsichtlich Gicht, wie Podgra heute heißt, ist man sich in der Fachwelt noch nicht einig, ob die Tomate Gichtanfälle provoziert oder sogar vorbeugend wirkt. X) X).

Wie die Tomate berühmt wurde

Forscher nehmen als den Beginn der Domestikation der Tomaten in Mexiko vor nur ca. 2500 Jahren an, jedoch lasen sich die meisten genetischen Verwandten in Peru finden. Die Diskussion um die wahren Vorfahren hält noch an und durch Gensequenzierungen kommt man dem Domestikationsprozess jetzt langsam auf die Spur. X)

Sowohl Azteken (14. – 16. Jhd) als auch schon die Mayas (3000 v. Chr. – 900 n. Chr.) benutzten Blätter medizinische Wundauflage und aßen die Beeren. Die Maya sahen im roten Fruchtgelee eine Verbindung zum Blut und der Lebenskraft allgemein X). Die Azteken stellten sogar einen direkten Zusammenhang zwischen dem Aussehen der Frucht (die Tomate hat einen "Nabel") mit der weiblichen Fruchtbarkeit her X, X) . Wie auch immer: die Tomate musste erstmal nach Europa und dafür sorgte Columbus mit seiner zweiten Expedition X) . In Europa angekommen machte der Liebesapfel schnell die Runde in den Fürstenhäusern. Sie galt als anstößig, etwas giftig, unsittlich. Trotzdem wurde sie als Aphrodisiakum geschätzt und in Adelskreisen sicher auch als solches genossen X  (DRESSENDÖRFER, 2012). Ihr spezieller Duft hat etwas Animalisches und inspirierte sowohl zu dem Gattungs- als auch Artnamen Lycopersicon- bzw. um (GENAUST 2017).

Es dauerte aber ganze vier Jahrhunderte bis die Tomate auch beim gemeinen Volk allgemeinen Anklang fand. GROSS (1918) schreibt vor mehr als 100 Jahren:

Von der Tunke zum Ketchup: Der Erfinder des Ketchup war übrigens ein Herr Dorrance, der für Joseph Campbell X) arbeitete und ihm durch den eingedampften Tomatensaft zu dem seit über 100 Jahren existierenden Lebensmittelimperium verhalf X). Vielleicht war es aber auch Henry Heinz 1876, der ebenfalls in den USA begann "Heinz-Ketchup" herzustellen X) .

"Die Tomate ist eine überaus beliebt gewordene Marktfrucht, deren Anbau von vielen Gemüsegärtnern schwunghaft betrieben wird. Wir genießen die Beeren verkocht als Tunken, wohl aber auch roh in Scheiben geschnitten als Salat" (GROSS 1918). Damals nahm ihre allgemeine Verbreitung dann auch in Deutschland Fahrt auf, die nur kurz von den beiden Weltkriegen unterbrochen wurde.

Heute ist die Tomate das wichtigste Gemüse auf dem Markt, sowohl national X) als auch weltweit X). Und die aufstrebende neue Weltmacht China ist der Haupterzeuger der Beeren. Einige unsinnige Genversuche inkl. Anbauzulassungen X) z.B. für Insektenresistenz sind auch in diesem Land erdacht worden. Für den chinesischen Markt soll es mit gentechnischer Gewalt geschaffene rosa Früchte geben.

30 Jahre und die Anti-Matsch-Tomate ist fast vergessen

Modellorganismen (Tomate, Ackerschmalwand, Fruchtfliege) sind besonders gut beschriebene Pflanzen oder Tiere, die immer wieder gerne von der Wissenschaft zur Forschung herangezogen werden, in der Hoffnung man könne die an ihnen gewonnenen Erkenntnisse auf andere Organismen übertragen.

Die Tomate war gleich hinter Petunien und Zuckerrüben für mich ein Paradebeispiel in den ersten Anti-Gentechnik-Diskussionen der frühen 90er. Wohl auch, weil sie zu den Modellorganismen X) gehört.



Die Sorte 'Flavr-Savr' ®, die so gentechnisch modifiziert war, dass sie mehr Geschmack bilden konnte (deswegen auch ihr Sortenname) war übrigens kein Verkaufsschlager. Sie wurde nicht nur wegen ihrer Züchtungsgeschichte abgelehnt, sondern auch, weil sie von der Industrie nicht angenommen wurde. Diese nahm lieber unreife Früchte entgegen. X) X) (BICKL-SANDKÖTTER, 2005) Mein Fazit: selbst wenn so eine vergewaltigte Pflanzensorte auf dem Markt ist, heißt das noch lange nicht, dass sie erfolgreich wird!Auch damals ging es schon um zweifelhafte Veränderungen die allein zum Zweck der Markierung der Veränderung immer mit einer Antibiotika- oder Herbizidresistenz gepaart werden: aus dieser Zeit stammte die "Anti-Matsch-Tomate", richtig heißt die in England zuerst patentierte Sorte und Marke 'Flavr-Savr' ® X). Zu Ketchup verarbeitet war eine weitere gentechnisch veränderte Sorte trotz deutlichem Hinweis auf dem Etikett sogar ein Hype in England, wo das Produkt ab 96 verkauft werden durfte X) X).

Meine Tomaten brauchen keine Insektenresistenzen (die vielleicht durch dicke Schalen erreicht werden), denn im Freiland habe ich keine Probleme mit weißen Fliegen und Co. dafür aber jede Menge kostenlose fleißige Nützlinge.

Allerdings war auch dieser Hype nach wenigen Jahren vorbei. Da frage ich mich, ob sich selbst unter einer kapitalistisch, ökonomischen Sichtweise die gentechnische Vergewaltigung gelohnt hat.

 

Schneller Züchtungserfolg dank weniger Mutationen

Die Tomatenart ist uns Menschen auch ohne Gentechnik sehr gewogen. STORL (2004) spricht sogar von helfenden Pflanzendevas, die er den Arten zuordnet. Die Tomate neigt wohl zu freiwilligen Genmutationen, denn wie sonst wäre es dem Forscher Hans STUBBE X) aus Gatersleben in nur 16 Jahren gelungen, mittels Auslesezüchtung, aus einer sehr kleinfrüchtigen Wildtomate eine normalgroße (mehrere Zentimeter Durchmesser) Kulturtomate hervorzubringen (VOGEL,1996, S. 870). Bei der Wildtomate handelte es sich um Lycopersicon esculentum var.pimpinellifolium, welche damals noch als eigene Art L. pimpinellifolium benannt war.

Meine Thesen zur Domestikation, die ich leider nicht beweisen kann, weil ich nicht die Möglichkeit habe wissenschaftlich zu arbeiten: Ich glaube, dass Menschen zu Anbeginn des Gartenbaus in der Lage waren, innerhalb von wenigen Jahren "Züchtungserfolge" zu erzielen, die sie sehen konnten.  1) Und zwar einerseits beruhend auf epigenetischen Effekten und anderseits, da sie auf eine sehr breite Gen- und damit Vielfaltsbasis zurückgreifen konnten X). Warum sollten unsere Vorfahren viel Arbeit in wenig Erfolg gesteckt haben? Ich glaube, dass die Düngung und weitere Kulturtechniken, wie Bewässerung und Unkrauthacken eine entscheidende Rolle gespielt haben.  2) Ich glaube des Weiteren, dass Pflanzen, wenn sie merken, dass sie sich in ihre Verbreitung und Vermehrung über den Menschen sicher sein können, sie mit uns kooperieren und dann eine Koevolution in Gang gesetzt wird.

Das geschah bereits 1960 und 80 Jahre später brüsten sich Wissenschaftler damit, dass sie mittels CRISPR/Cas, der beliebtesten aller Genscheren, in dreijähriger Forschungsarbeit aus Solanum pimpniellifolium (ein Synonym für L. pimpinellifolium) eine Kulturtomate entwickelten X). Ist das Fortschritt, wenn ich statt 16 Jahre nur 3 Jahre brauche? Warum soll alles immer schneller gehen? Brauchen wir "Turbo-Domestikation" oder "Züchtung im Zeitraffer", wie das BMBF-Portal Pflanzenforschung tituliert X)? Und glauben wir wirklich, dass eine Domestikation vor zigtausend Jahren nur über viele Menschengenerationen möglich war? Meine Thesen dazu im Merker rechts.

Dreckiges Saatgut – Kinderarbeit ohne Arbeitsschutz

1g Gold kostet ca. 50 Euro, 1g beste Profiqualität Bio-Hybrid-Tomatensaatgut 40 € X). De Bolster ® verlangt 2020 für die Sorte Zuckertraube 3,49 € für 0,3g X); Tomate Phantasia F1 bei Baldur-Garten 6,36 für 6 Korn X). Ein Gramm Tomatensaatgut enthält 250 – 500 Korn.

Was mich allerdings viel mehr beunruhigt, als die gesamten gentechnischen Forschungen, ist die Tatsache, dass das Tomatensaatgut heutzutage in aller Welt produziert und dass es wahrhaft mit Gold aufgewogen wird. Ob bei der Produktion dann Kinder-, Frauen- und Arbeitsschutzrechte eingehalten werden, ist zweifelhaft (Soiled Seeds, 2015). Mit anderen Worten, Saatgutproduktion kann Ausbeutung bedeuten. Sehr schön dargestellt in dem Film "Das Saatgut-Kartell" X).

Unangepasstes Saatgut für unsere Gärtner

Auch kann solches Saatgut, beispielsweise aus Indien, nie an unsere Klimabedingungen angepasst sein (auch nicht auf epigenetischer Basis). So werden unsere gewerblichen Gärtner genarrt, denn sie müssen um existenzsichernde Ernten zu erzielen, ihre Tomaten mit Pflanzenschutzmitteln peppen.

Nahrungsmittelsouveränität sieht anders aus: Auf dem Weg zum Verkauf verliert sich die Sortenherkunft

Der professionelle Gärtner kennt noch die Sorte seiner Tomaten, wenn er aber dann zum Handel fährt, muss weder die Herkunft des Saatguts noch die Sorte auf der Verkaufspalette stehen. In den Discountern findet der Verkauf dann im Sortiment statt: "in den Sorten rot und gelb" oder "in den Sorten runde Tomaten, Cocktail- und Fleischtomaten"! Aufgepasst ihr Vielfaltsgärtner und Saatgutaktivisten: Das Supermarktsortiment hat nichts mehr mit Sortenvielfalt zu tun! 

Erfahrungen aus erster Hand aus Coras Garten

In meinem Garten und in meinen Pflanzkübeln überleben Samen von herabgefallenen, nichtgeernteten Tomatenbeeren den Winter und keimen im Mai aus! Das werden regelmäßig die vitalsten Pflanzen.

Saatgutgewinnung ganz praktisch

Tomatensaatgut kann nass und trocken geerntet werden, damit sind die beiden gängigen Aufbereitungsarten gemeint.

  1. Samen aus der Beere ausschaben, waschen und trocknen
  2. Samen mit Fruchtfleisch einem Gärprozess unterwerfen, Gärung nach 24h bis 3 Tagen abbrechen wenn Samen zu Boden sinken und Fruchtfleisch aufschwimmt, waschen und trocknen

Optimale Reife zur Saatgutgewinnung:

Reife Tomatenfrüchte haben aufgehört zu wachsen und ihre endgültige Farbe ausgebildet. Im Idealfall konnten sie solange an der Pflanze reifen, bis sie weich zu werden beginnen. Bei optimaler Samenreife lässt sich die Plazenta, die Gallerte um die Samen leicht abwaschen, also mühelos so reinigen, dass sie kaum mehr kleben und sich leicht getrocknet auseinanderbröseln lassen. Den besten Zeitpunkt hat man verpasst, wenn die Samen in der Frucht zu keimen beginnen.

Anbautipps für Gärtner und Köche

  • Tomaten werden tief gepflanzt, da sie am Stengel Wurzeln (Adventivwurzeln) bilden.
  • Die 1m Tiefe tauchende Pfahlwurzel wird regelmäßig beim pikieren beschädigt.
  • Tomaten brauchen zwar Kalk, jedoch sollte dieser in der Vorsaison, also vor dem Winter eingebracht worden sein.
  • Eine im Feld gekeimte Tomate bildet eine ordentliche Pfahlwurzel aus (bei mir im Garten von selbst aufgegangene Tomaten sind immer die vitalsten und haben weniger Durst als ihre pikierten und getopften Gefährten).
  • Tomaten erst ins Freiland pflanzen, wenn die Bodentemperatur auf 14°C gestiegen ist, sonst gibt es Wachstumsstockungen.
  • Für ihr weiteres Wachstum verlangen Tomaten eine Mindesttemperatur von 10°C.
  • Wenn man geerntete Tomaten nachreifen oder aufheben möchte, dann bei mindestens 16°C , so dass sie nach und nach , fast ohne Qualitätseinbuße nachreifen können. Tomaten nie im Kühlschrank einsperren.
  • Tomaten kann es zu heiß werden, ab 35°C, setzen sie keine Blüten und damit Früchte mehr an.
  • Anstatt einen Trieb aufzuziehen kann man auch zwei Triebe aufleiten. Die Abstände zwischen den Stäben sollten dann etwas großzügiger gewählt werden.

Tipps für Erhalter

  • Ich bin in meiner Lehrzeit zwei mal wöchentlich durchs Gewächshaus geschickt worden, um an den Tomatenschnüren zu wackeln, um die Pollen auf die Narben der Blüten zu schütteln. Damals war das noch die beste Methode, die Bestäubung zu verbessern. Im Internet finden sich verrückte Anleitungen um die Bestäubung mittels elektrischer Zahnbürsten zu besorgen. Warum? Wenn es auch ohne Strom / Batterie geht?
  • Wer eine ganz besondere Tomatenpflanze hat und diese ganz sicher identisch nachzüchten möchte, kann diese auch über abgerissene Seitentriebe vegetativ (d.h. über Pfanzenorgane) vermehren. Die Seitentriebe bewurzeln wieder, wenn man diese Triebe genau so sorgfältig pflegt, wie die samenbürtigen
  • Tomatenpollen keimt am besten zwischen 18- 25°C. Gekühlt hält er bis zu drei Tagen
  • Hingegen ist die Narbe gerade mal einen Tag empfängnibereit und das am liebsten am Vormittag
  • Die Staubblätter bilden fast eine Röhre auf deren Innenseite die Staubbeutel liegen.
  • Tomatenpollen braucht eine Luftfeuchte von mindestens 60% um befruchten zu können.

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