Domestikations- und Kulturgeschichte

Die Inder wären wohl nie auf die Idee gekommen, süße Paprika zu züchten. In allen heißen Ländern rund um den Globus sind die scharfen Varianten, entweder Chili, Chillie oder Peperoni genannt, beliebter. Sie unterdrücken die Schweißproduktion und helfen damit Hitze zu ertragen. Als diese Neuankömmlinge noch nicht verfügbar waren, haben die Inder den ebenfalls bakterizid wirkenden Pfeffer genutzt.

Die "Indianer", wie die amerikanischen Ureinwohner kurzerhand - aufgrund einer Verwechslung der Kontinente - von uns genannt wurden, haben wahrscheinlich mehrfach im Hochland und in Mittelamerika den heute nicht mehr bekannten Vorfahren vor mehr als 8000 Jahren (evt. gleichzeitig mit dem Mais?) in Kultur genommen. In Tehuacan in Mexico fanden Archäologen 7000 Jahre (Wolters, 1996) alte Nahrungsreste davon. Einige heute verwendete Sortengruppennamen deuten wenigstens noch auf ihre neuweltliche Herkunft, z.B. die scharfen Habaneros ("aus Havanna kommend").

MANUSCO (2018) widmet den "Chilisüchtigen" ein ganzes Kapitel! Die Sucht erkenne man daran, dass diese Leute beim Essen abwechselnd einen Bissen von den Schoten und einen vom jeweiligen Gericht nehmen. Der Genuss von Capsaicin vermittelt unserem Gehirn Schmerz (in Form von Hitze) und das Alkaloid provoziert damit die Ausschüttung von Endorphinen, die bekanntlich glücklich machen. Nach Manusco ist das ein Beispiel, wie Pflanzen uns manipulieren, damit wir uns ihnen widmen, sie lieben und vermehren.

Die Ureinwohner Amerikas verfolgten (Wolters, 1996) zwei Auslesekriterien: Entweder so scharf oder so groß wie möglich. Und trotzdem kannten sie die Nutzung der grünen Beeren bereits als Gemüse, d.h. sie verfügten in präkolumbianischer Zeit bereits über Sorten, die nicht so auf der Zunge "brannten" (Oviedo in Wolters, 1996). Wie heute für uns stellten die "Schärflinge" für die Inkas eine wichtige Handelsware dar. Sie praktizierten außerdem eine besondere Form des Fastens, bei welcher der Genuss von "Uchu" in dieser Zeit der Askese untersagt war. Vielleicht waren sie ja alle Chili-süchtig und da fiel es besonders schwer, auf die glücklich (Manusco, 2019) machende Schärfe zu verzichten (Siehe Kasten)? Ansonsten nutzten sie die "Uchu" auch als Medikament gegen Ohrenschmerzen und Diphterie. Letztere Krankheit ist erst von den Weißen ins Land gebracht worden und sorgte neben Masern, Pocken und Typhus vielleicht in Zusammenhang mit der kleinen Eiszeit (ab Anfang des 15. Jhd.) für einen drastischen Bevölkerungsrückgang.

BESELER (1613): Im Eichstätter Garten wuchsen wohl um die 15 verschiedene Chili-Sorten, zumindest wurden 15 gezeichnet.   //   LONICERUS (1679): "Teutscher / oder Indianischer Pfeffer … wird in Lateinischer Sprach Piper Indicum und Siliquastrum, von den langen Silquis oder Schoten / die es bringt. … Ist ein Gewächs / wie ein klein treuschlecht Bäumlin / mit schwarzgrünen zarten Blättern bekleidet / vergleichen sich bei nahe den gemeinen Nachtschattenblättern / doch spitzer und schmäler die Blümlin sein bleichfarb weß/ in der Grösse der gemeinen Nachtschatten / darauß folgen grüne Schoten / Fingers lang. …. Wird in den Gärten und Scherben geziehlet / und ist nunmehr allenthalben fast gemein."

Als Zierpflanze hat die Gattung übrigens sehr schnell die alte Welt erobert: bereits ein halbes Jahrhundert nach der Entdeckung Amerikas wurde sie in Orangerien oder exotischen Gärten, wie dem in Eichstätt, gezogen. Und Adelige tauschten diverse Sorten untereinander. Sehr früh wurde sie auch als billiger Pfefferersatz angepriesen und von Hausfrauen im Blumentopf gezogen (siehe Kasten).

Capsaicinarme Sorten, die als Gemüsepaprika verzehrt werden können, kannte man bei uns hingegen lange nicht. Sie sind eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts und verbreiteten sich erst nach dem 2. Weltkrieg in Europa. Groß nannte Capsicum vor 120 Jahren noch treffend Beißbeere und kannte ihren Einsatz nur als Gewürz für die damals beliebten Pickles. Heute gehört die Art C. annum zu den "Top Ten" X) Gemüsen in der Welt.

Scoville: Schärfe-, bzw. Hitze einheit für Capsaicin. Theoretisch wären bis 16 Mio Scoville möglich, denn so scharf ist isoliertes reines Capsaicin. Für die meisten Deutschen ist 'Tabasco' mit nur ca. 50000 Scoville schon viel zu scharf (MANUSCO, 2018).

Auch die scharfen Vertreter sind wie damals bei den Inkas wieder von weltwirtschaflicher Bedeutung. Ganz klar, wenn man sich die benötigten Mengen ausmalt: Beispielsweise fügte meine Gastfamilie in Sri Lanka zu jedem Mittagessen mindestens 1 Esslöffel frisch gemahlenen Chillie hinzu und die ländlichen Straßen waren kilometerweit mit trocknenden Früchten bedeckt. Wer in Deutschland gemahlenen Paprika kauft, der sollte wissen, dass es der Delikatesspaprika ist, der süßlich würzt, dagegen die harmlos klingende Rosenpaprika Schärfe ins Essen bringt. Die derzeit schärfste Sorte heißt 'Carolina Reaper' und bringt es auf über 2 Mio. Scoville. 'Peperoncini' gehören da mit ihren 100 – 500 Scoville ja fast noch zu den Gemüsepaprika.

Anbautipps für Gärtner und Köche

  • Alle Paprikas sind mehrjährig, sie können auch im Haus überwintern. Das spart die mühevolle Anzucht, allerdings auf Kosten eines platzraubenden, frostfreien Winterquartiers.

  • Verträgt direkt Mist oder fetten Kompost und zusätzliche stickstoffbetonte Kopfdüngung.

  • Bei im Haus gezogenen Paprikas kann man versuchen, die Luftfeuchtigkeit durch häufiges Sprühen höher zu halten (zw. 60 – 80% rel LF), das fördert das Wachstum, allerdings auch Spinnmilben. Trotzdem sollten die Blätter noch nach jedem Gießen abtrocknen können.

  • Als Sonnenkind der Anden liebt Chili Prallsonne und kommt auch mit UV Strahlung zurecht.

  • Pflanzabstände in Häusern werden deswegen großzügiger gewält, so dass die Pflanzen sich unter dem lichtschluckenden Glas nicht noch zusätzlich gegenseitig beschatten.

  • Mag reichlich am besten warmes Gießwasser (nicht zu kalkhaltig).

  • Chili können kurzfristig Temperaturen zw. 2° und 5°C überleben.

  • Mag keine salzhaltigen Düngemittel, Kompost und organischen Dünge hingegen schon.

  • Ist dankbar für Kalium, wie alle fruchtbildenden Gemüse.

  • ☺ Die Anzuchtdauer (bis Auspflanzen) ist stark temperaturabhängig und kann zw. 7 und 11 Wochen dauern. Am besten man rechnet vom 15. Mai aus zurück und berücksichtitgt dabei, bei welcher Temperatur man die Pflanzen am Schnellsten zum Keimen bringen kann.

  • Grün geerntete Früchte enthalten weniger Vitamin C als reife, also nicht vom süßen Geschmack beirren lassen.

  • Bildet zwar nicht ausgeprägt Adventivwurzeln, so dass man es bei einer besonderen ausgewählten Tochterpflanze mit Stecklingsvermehrung probieren kann.

  • Niedrige Temperaturen (16- 20°C ) bewirken Angstblütenansatz, statt Blattwachstum.

  • Erst ab 35°C sind Schäden an der Pflanze zu erwarten.

  • Öfter Kopfdüngen verträgt sie besser als eine einzige große Gabe.

  •  Bei großfrüchtigen Sorten (Gemüsepaprikas) lässt man pro Verzweigung immer nur eine Frucht reifen.

  • Für die Vorkultur nimmt man relativ große Töpfchen (10 cm Ø).

  • Die Blätter unterhalb von geernteten Früchten können entfernt werden (Gewächshaus Pilzdruck).

  • Erste Kopfdüngung erst dann, wenn kleine Früchte zu sehen sind.

Tipps für Erhalter

  • Schärfeskala in Scoville beruht auf Capsaicin-Gehalt. Dieser ist in der Plazenta am höchsten.

  • Nachtrocknen in Vollsonne schadet nicht (Bsp. Sri Lanka).

  • Züchtung heute: Gewächshauseignung.

  • Händische Paarung klappt am besten am Tag der Blütenöffnung in den Morgenstunden, dazu wird vorab gesammelter Pollen benutzt und die Staubblätter sicherheitshalber gleichzeitig ausgezupft.

  • Staubblätter erscheinen, wenn sie befruchtungsfähig sind lila und verwelkt bräunlich-grünlich. Der Pollenflug beginnt Tage nach der ersten Blütenöffnung.

  • Die Blüten von Chilis öffnen sich in den frühen Morgenstunden zwischen 5 und 6 Uhr, die von Paprikas etwas später, wenn es sonnig ist. Bei Bewölkung noch später oder sie warten besseres Wetter ab.

  • Die Pollen und die Narbe sind gleichzeitig reif, was angeblich zu 80% Selbstbefruchtung führt. Während Chilifans hier beobachten, dass manche Sorten mehr und andere weniger zum "Fremdgehen" neigen. Andere Autoren berichten von Vorweiblichkeit.

  • In Indien angeblich zu 70% fremdbestäubend!

  • Auch wenn die Blüten für ca. 3 Tage befruchtungsfähig bleiben, erzielt man die besten Befruchtungsraten am ersten Tag der Blütenentfaltung in den Morgenstunden.

  • Selbst die Glasgärtner, die von 'Ganzjahreskultur' sprechen, lassen im Gewächshaus die dunklen Monate von November bis Februar aus, wobei wertvolle Pflanzen überwinterbar wären.

  • Wenn der Boden -was im Blumentopf besonders schnell geht- sich auf über 25°C erhitzt, stoßen die Pflanzen die Blüten ab. D.h. ein schwarzer Blumentopf ist im Frühjahr von Vorteil, weil er sich schnell erwärmt, im Sommer dann aber nachteilig.

  • Blütenfall kann auch auf Lichtmangel zurückgeführt werden.

  • Die Pflanzen wachsen sympodial, d.h. die nächste Verzweigung geht aus einer Achselknospe hervor. Man fördert die Verzweigung, indem man die Königsblüte abzwickt.

  • Denn auch hier sprechen die Profis von einer Königsblüte, das ist die allererste, die im Erwerbsgartenbau abgezwickt wird, um die Pflanzen kräftiger werden zu lassen (nicht alle Kraft in die erste Blüte). Sie wäre aber für Züchtungszwecke vielleicht aufgrund ihrer Stellung besonders interessant.

  • Paprika wird im Erwerbsbau zweitriebig gezogen.

  • Chili müssen i.d.R. nicht ausgebrochen werden, man läßt sie sich verzweigen, wie sie wollen.

  • Winzigfrüchtige Sorten im Ganzen trocknen und nicht auspulen oder schreddern und dann ausblasen.

  • Man kann sie mit viel Wasser und einem stumpfen Mixer trennen.

  • Empfindliche Menschen sollten Handschuhe und partikelfiltrierende Halbmaske (FFP 1) tragen, wie Handwerker sie nutzen.

  • Wer genügend Pflanzen hat, sollte mind. 3x auslesen.

  • Capsicum pubescens ist selbstincompatibel und deswegen ein strenger Fremdbefruchter.

  • Wenn Kreuzung unbeabsichtigt stattfand, kann man von der geernteten Frucht die Plazenta probieren, ist diese scharf, hat sich Chili eingekreuzt.

  • 1 kg scharfe Früchte bringen 25 - 100g Samen.

  • 1 kg süße Früchte bringen 5 – 50 g Samen.

 

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