Von süßen und scharfen Vertretern

Capsicum Chili reif

Scharfer kleiner Teufel, Sorte unbekannt

Die Inder wären wohl nie auf die Idee gekommen, süße Paprika zu züchten. In allen heißen Ländern rund um den Globus sind die scharfen Varianten, entweder Chili, Chillie oder Peperoni genannt, beliebter. Sie unterdrücken diePaprika Manusco Schweißproduktion und helfen damit Hitze zu ertragen. Als diese Neuankömmlinge noch nicht verfügbar waren, haben die Inder den ebenfalls bakterizid wirkenden Pfeffer genutzt.

Die "Indianer", wie die amerikanischen Ureinwohner kurzerhand - aufgrund einer Verwechselung der Kontinente- von uns genannt wurden, haben wahrscheinlich mehrfach im Hochland und in Mittelamerika den heute nicht mehr bekannten Vorfahren vor mehr als 8000 Jahren (evt. gleichzeitig mit dem Mais?) in Kultur genommen. In Tehuacan in Mexico fanden Archäologen 7000 Jahre (Wolters) alte Nahrungsreste davon. Einige heute verwendete Sortengruppennamen deuten wenigstens noch auf ihre neuweltliche Herkunft, z.B. die scharfen Habaneros ("aus Havanna kommend").Parika Beseler

Die Ureinwohner Amerikas verfolgten (Wolters) zwei Auslesekriterien: Entweder so scharf oder so groß als möglich. Und trotzdem kannten Sie die Nutzung der grünen Beeren bereits als Gemüse, d.h. sie verfügten in präkolumbianischer Zeit bereits über Sorten, die nicht so auf der Zunge "brannten" (Oviedo in Bruno Wolters). Wie heute für uns stellten die "Schärflinge" für die Inkas eine wichtige Handelsware dar. Sie praktizierten außerdem eine besondere Form des Fastens bei welcher der Genuss von 'Uchu' in dieser Zeit der Askese untersagt war. Vielleicht waren sie ja alle Chili-süchtig und da viel es besonders schwer auf die glücklich1) machende Schärfe zu verzichten? Ansonsten nutzten sie die Uchu auch als Medikament gegen Ohrenschmerzen und Diphterie. Letztere Krankheit ist erst von den Weißen ins Land gebracht worden und sorgte neben Masern, Pocken und Typhus vielleicht in Zusammenhang mit der kleinen Eiszeit (ab Anfang des 15. Jhd.) für einen drastischen Bevölkerungsrückgang.

Als Zierpflanze hat die Gattung übrigens sehr schnell die alte Welt erobert: bereits ein halbes Jahrhundert nach der Entdeckung Amerikas wurde sie in Orangerien oder exotischen Gärten, wie dem in Eichstätt, gezogen. Und Adelige tauschten diverse Sorten untereinander. Sehr früh wurde sie auch als billiger Pfefferersatz angepriesen und von Hausfrauen im Blumentopf gezogen (Siehe Kasten).

Capsaicinarme Sorten, die als Gemüsepaprika verzehrt werden können, kannte man bei uns hingegen lange nicht. Sie sind eine (Wieder-) Errungenschaft des 19. Jahrhunderts und verbreiteten sich erst nach dem 2. Weltkrieg in Europa. Groß nannte Capsicum vor 120 Jahren noch treffend Beißbeere und kannte ihren Einsatz nur als Gewürz für die damals beliebten Pickles. Heute gehört die Art C. annum zu den "Top Ten" 2) Gemüsen in der Welt.

Auch die scharfen Vertreter sind wie damals bei den Inkas wieder von weltwirtschaflicher Bedeutung. Paprika Scoville v2Ganz klar, wenn man sich die benötigten Mengen ausmahlt: Beispielsweise fügte meine Gastfamilie in Sri Lanka zu jedem Mittagessen mindestens 1 Esslöffel frisch gemahlenen Chillie hinzu und die ländlichen Straßen waren kilometerweit mit trocknenden Früchten bedeckt. Wer in Deutschland gemahlenen Paprika kauft, der sollte wissen, dass es der Delikatesspaprika ist, der süßlich würzt, dagegen der harmlos klingende Rosenpaprika Schärfe ins Essen bringt. Die derzeit schärfste Sorte heißt 'Carolina Reaper' und bringt es auf über 2 Mio. Scoville. 'Peperoncini' gehören da mit ihren 100 – 500 Scoville ja fast noch zu den Gemüsepaprikas.

Typen und Sortenkunde

Kreuzungsmöglichkeiten

Capsicum KreuzungsmoeglichkeitenHeute teilt man die ursprünglich mehrjährigen in unseren Breiten als einjährige gezogenen Capsicum annum-Gemüse ihrer Form nach in Gruppen ein: so gibt es neben den süßen, capsaicinarmen Gemüseparikas (C. annum Grossum Gruppe) die herzhaften Spitzpaprika (C. annum Conoides Gruppe) und die Büschelpaprika (C. annum Fasciculatum Gruppe).

Meist als Zierpflanze werden C. annum Cerasiforme Gruppe genutzt.

Die Peperoni genannten scharfen Vertreter gehören alle zur Capsicum annum Longum Gruppe. Letztere können sich mit den süßen Vertretern verkreuzen und auf diese Weise auch ihre Schärfe weitergeben.

Tabasco und die als Habanero angebotenen Sorten werden übrigens aus C. frutescens gewonnen, also einer anderen Art, deren nächste wilden Verwandten im Amazonasgebiet zu finden sind (Wolters). Manch Botaniker ordnet die Habanero (aus Havanna kommend) auch C. chinense zu, wobei letztere Art vielleicht nur eine Abwandlung von C. frutescens darstellt: aus China kommt sie jedenfalls nicht, sondern ebenfalls aus dem Amazonasbecken. In Indien werden die Schärflinge heute Chillies und in anderen Teilen der Welt wiederum Chili genannt, dies kommt daher, weil man glaubte, sie kämen aus Chile.

Es gibt sogar Paprika mit schwarzen Samen, dieser gehört jedoch zu einer ganz anderen Art, nämlich C. pubescens auch Baumchili genannt. Neben den ungewöhnlichen Samen hat er tief lila Blüten und kommt, dank seiner "Behaarung" mit kühleren Temperaturen insbesondere kühleren Nächten besser zurecht, weswegen er vielleicht ein Zukunftsgemüse darstellt. Sein Ursprung liegt in den Höhen von Bolivien, wo sein 6000 Jahre währender Gebrauch nachgewiesen wurde.

Leider ist die Urform der heutigen Paprikas oder Chilis nicht mehr bekannt, es könnte sich aber um C. baccatum handeln, der sich zwar sowohl mit C. annum als auch mit C. frutescens Vertretern kreuzen kann, dann aber nur sterile Nachkommen bildet (sozusagen Paprika-Mulis). Als Wildform wächst heute noch C annum var aviculare, der Vogelpfeffer, in und rund um Mittelamerika.

Sorten vor 120 Jahren

'Cahenne'; 'Columbus'; 'Elefantenrüssel'; 'Golden Dawn'; 'Kaleidoskop'; 'Kardinal'; 'Langer Gelber'; 'Mammut'; 'Prokopps Riesen'

Sorten aus roter Liste

'Aurora'; 'Bouquetpfeffer'; 'Chinesischer Riesen roter'; 'Czardas'; 'Eckiger süßer chinesischer'; 'Elefantenrüssel weiß'; 'Kirschförmiger roter'; 'Langer gelber Cayenne'; 'Langer roter'; 'Liebesapfelfrüchtiger roter'; 'Maritza'; 'Procopp's Riesen'; 'Red-Cluster'; 'Ruby King'; 'Tomatenfrüchtiger roter'; 'Verticus'

Sorten für den Bioanbau 2017 von FIBL empfohlen

'Atris F1'; 'Cooper F1'; 'Corno di blue'; 'De Cayenne'; 'Expensive F1'; 'Fuego F1'; 'Furila F1'; 'Galaxy F1'; 'Gepetto F1'; 'Guernsey F1'; 'Jersey F1'; 'Kaite F1'; 'Maldenado F1'; 'Mavras F1'; 'Nagano F1'; 'Orange Glory F1'; 'Palladio F1'; 'Pinokkio F1'; 'Score F1'; 'Snooker F1'; 'Spider' 'Surface F1'

Open-Source Sorten

keine bekannt

Sorten mit komischen Namen

keine gefunden

Sorten aus fremden Ländern für Jäger und Sammler

keine gefunden

Auslesekriterien und Saatgutgewinnung

Während des vegetativen Wachstums
  • Toleranz gegenüber niedrigeren Keimtemperaturen
  • Robust bei Kälteeinbrüchen im Frühjahr-
Während des generativen Wachstums
  • Verzweigungsneigung und Aufbau der Pflanzen, Verholzungsneigung und Standfestigkeit
  • Zusammenhang zwischen Zeitpunkt für den Fruchtansatz Temperaturen und Fruchtwanddicke (dünnwandige Sorten sind frühzeitiger)
  • Höhe der Pflanzen sowie endloses oder begrenztes Wachstum
  • Gesamt-Kulturdauer, Reifezeit
  • Eignung für Topf- oder Gewächshauskultur
Nach der Ernte in Genussreife
  • Blütenfarbe: weiß bis weißgelb, helllila, nickend oder stehend
  • Farbe (weiß, gelb, orange, rot, violett), Form und Größe der Beeren: Rippenzahl
  • Fruchtwanddicke und Anzahl der Kammern
    (3 – 5 bei annum und 2 bei C. frutescens, je nach Anzahl beteiligter Fruchtblätter)
  • Geschmack der Plazenta: Schärfegrad
  • Geschmack des Fruchtfleischs: süß, herzhaft, Schärfegrad in Scoville, fruchtig
UPOV Test Guideline

No. 76

Vorschläge für unkonventionelle Züchtungsansätze

vielleicht ist es möglich jungfernfrüchtige Sorten bei Gemüsepaprikas zu züchten. Mir kommen die an der Plazenta statt Samen gebildeten unförmigen Babyfrüchte schon fast so vor. Auch wenn ich sie persönlich als abstoßende Wucherung empfinde, könnte dies ein Hinweis auf einen Hang zur Jungfernfrüchtigkeit sein.

Saatgutgewinnung ganz praktisch

Capsicum Chili Samen PequinMini KarottenchiliDas Schwierigste dabei ist nicht die Gewinnung der Samen, sondern das Erkennen der Reife. Am einfachsten erntet man Chili- oder Paprikafrüchte ca. 2 Wochen nach dem endgültigen Farbumschlag und lässt sie dann aber weitere Wochen in der Speisekammer nachreifen. Die Früchte halten erstaunlich lange und schrumpeln erst Monate nach der Ernte! D.h. die Samen können lange nachreifen, falls doch zu früh geerntet wurde. Im November, Dezember oder sogar Januar können die Früchte schließlich aufgeschnitten und die Samen ausgekratzt werden. Jetzt sollten sie sich einfach von der Plazenta lösen, die kleinen Nabelschnürchen sollten ledrig, d.h. halb vertrocknet sein. Dünnwandige Chilifrüchte kann man auch komplett trocknen (aufpassen, dass der Vorgang schnell verläuft um Schimmelbildung vorzubeugen). Durch Rebeln (Chili"schoten" auf ein Brett legen und mit dem Nudelholz drüber fahren) geben die getrockneten Früchte ihre Samen frei. Jetzt nur noch mittels Sieb und etwas pusten Samen von Fruchtwandstückchen trennen und fertig.

Anbautipps für Gärtner und Köche

 
Capsikum Pfefferoni Jungpflanze

Pfefferoni Jungpflanze

 
Capsicum Chili und Knoblauch auf dem kratischen Markt

Chili und Knoblauch von kroatischem Markt

 
Capsicum Fruechte koennen unreif geerntet werden

Paprika werden unreif geerntet

☺ Alle Paprikas sind mehrjährig, sie können auch im Haus überwintern. Das spart die mühevolle Anzucht, allerdings auf Kosten eines platzraubenden, frostfreien Winterquartiers.

☺ Verträgt direkt Mist oder fetten Kompost und zusätzliche stickstoffbetonte Kopfdüngung

☺ Bei im Haus gezogenen Paprikas kann man versuchen, die Luftfeuchtigkeit durch häufiges Sprühen höher zu halten (zw. 60 – 80% rel LF), das fördert das Wachstum, allerdings auch Spinnmilben. Trotzdem sollten die Blätter noch nach jedem Gießen abtrocknen können.

☺ Als Sonnenkind der Anden liebt Chili Prallsonne und kommt auch mit UV Strahlung zurecht.

☺ Pflanzabstände in Häusern werden deswegen großzügiger gewält, so dass die Pflanzen sich unter dem lichtschluckenden Glas nicht noch zusätzlich gegenseitig beschatten.

☺ Mag reichlich am besten warmes Gießwasser (nicht zu kalkhaltig).

☺ Chili können kurzfristig Temperaturen zw. 2° und 5°C überleben.

☺ Mag keine salzhaltigen Düngemittel, Kompost und organischen Dünge hingegen schon.

☺ Ist dankbar für Kalium, wie alle fruchtbildenden Gemüse.

☺ Die Anzuchtdauer (bis Auspflanzen) ist stark temperaturabhängig und kann zw. 7 und 11 Wochen dauern. Am besten man rechnet vom 15. Mai aus zurück und berücksichtitgt dabei, bei welcher Temperatur man die Pflanzen am Schnellsten zum Keimen bringen kann.

☺ Grün geerntete Früchte enthalten weniger Vitamin C als reife, also nicht vom süßen Geschmack beirren lassen.

☺ Bildet zwar nicht ausgeprägt Adventivwurzeln, so dass man es bei einer besonderen ausgewählten Tochterpflanze mit Stecklingsvermehrung probieren kann.

☺ Niedrige Temperaturen (16- 20°C ) bewirken Angstblütenansatz, statt Blattwachstum

☺ Erst ab 35°C sind Schäden an der Pflanze zu erwarten.

☺ Öfter Kopfdüngen verträgt sie besser als eine einzige große Gabe.

☺ Bei großfrüchtigen Sorten (Gemüsepaprikas) lässt man pro Verzweigung immer nur eine Frucht reifen.

☺ Für die Vorkultur nimmt man relativ große Töpfchen (10 cm Ø).

☺ Die Blätter unterhalb von geernteten Früchten können entfernt werden (Gewächshaus Pilzdruck.

☺ Erste Kopfdüngung erst dann, wenn kleine Früchte zu sehen sind.

Tipps für Erhalter

Capsicum Geburt einer Chili

Geburt einer Paprikapflanze

Capsicum Chilibluete

Chiliblüte vorweiblich

Capsicum Chili erntereif

Trotz Farbumschlag noch nachreifen lassen

☺ Schärfeskala in Scoville beruht auf Capsaicin-Gehalt. Dieser ist in der Plazenta am höchsten.

☺ Nachtrocken in Vollsonne schadet nicht (Bsp. Sri Lanka).

☺ Züchtung heute: Gewächshauseignung.

☺ Händische Paarung klappt am besten am Tag der Blütenöffnung in den Morgenstunden, dazu wird vorab gesammelter Pollen benutzt und die Staubblätter sicherheitshalber gleichzeitig ausgezupft.

☺ Staubblätter erscheinen, wenn sie befruchtungsfähig sind lila und verwelkt bräunlich-grünlich. Der Pollenflug beginnt Tage nach der ersten Blütenöffnung.

☺ Die Blüten von Chili öffnen sich in den frühen Morgenstunden zwischen 5 und 6 Uhr, die von Paprikas etwas später, wenn es sonnig ist. Bei Bewölkung noch später oder sie warten besseres Wetter ab.

☺ Die Pollen und die Narbe sind gleichzeitig reif, was angeblich zu 80% Selbstbefruchtung führt. Während Chilifans hier beobachten, dass manche Sorten mehr und andere weniger zum "Fremdgehen" neigen. Andere Autoren berichten von Vorweiblichkeit.

☺ In Indien angeblich zu 70% fremdbestäubend!

☺ Auch wenn die Blüten bleiben für ca. 3 Tage befruchtungsfähig bleiben, erzielt man die besten Befruchtungsraten am ersten Tag der Blütenentfaltung in den Morgenstunden.

☺ Selbst die Glasgärtner, die von 'Ganzjahreskultur' sprechen, lassen im Gewächshaus die dunklen Monate von November bis Februar aus, wobei wertvolle Pflanzen überwinterbar wären.

☺ Wenn der Boden -was im Blumentopf besonders schnell geht- sich auf über 25°C erhitzt, stoßen die Pflanzen die Blüten ab. D.h. ein schwarzer Blumentopf ist im Frühjahr von Vorteil, weil er sich schnell erwärmt, im Sommer dann aber nachteilig.

☺ Blütenfall kann auch auf Lichtmangel zurückgeführt werden.

☺ Die Pflanzen wachsen sympodial, d.h. die nächste Verzweigung geht aus einer Achselknospe hervor. Man fördert die Verzweigung, indem man die Königsblüte abzwickt.

☺ Denn auch hier sprechen die Profis von einer Königsblüte, das ist die allererste, die im Erwerbsgartenbau abgezwickt wird um die Pflanzen kräftiger werden zu lassen (nicht alle Kraft in die erste Blüte). Sie wäre aber für Züchtungszwecke vielleicht aufgrund ihrer Stellung besonders interessant.

☺ Paprika wird im Erwerbsbau zweitriebig gezogen.

☺ Chili müssen i.d.R. nicht ausgebrochen werden, man läßt sie sich verzweigen, wie sie wollen.

☺ Winzigfrüchtige Sorten im Ganzen Trocknen und nicht Auspulen oder Schreddern und dann ausblasen.

☺ Man kann sie mit viel Wasser und einem stumpfen Mixer trennen.

☺ Empfindliche Menschen sollten Handschuhe und partikelfiltrierende Halbmaske (FFP 1) tragen, wie Handwerker sie nutzen.

☺ Wer genügend Pflanzen hat, solle mind. 3x auslesen.

☺ Capsicum pubescens ist selbstincompatibel und deswegen ein strenger Fremdbefruchter.

☺ Wenn Kreuzung unbeabsichtigt stattfand, kann man von der geernteten Frucht die Plazenta probieren, ist diese scharf, hat sich Chili eingekreuzt.

☺ 1 kg scharfe Früchte bringen 25 - 100g Samen.

☺ 1 kg süße Früchte bringen 5 – 50 g Samen.