Domestikations- und Kulturgeschichte

Massensterben am Ende der Eiszeit und seine Auswirkungen auf den kleinen Sommerkürbis

Die Kulturgeschichte der Garten- oder Sommerkürbisse begann mit einem dramatischen Ereignis am Ende des Pleistozäns vor ca. 10 000 Jahren: nämlich dem Massensterben der eiszeitlichen Megafauna! Darunter fasst man die in der Eiszeit existierenden Großtiere, wie z.B. Wollhaarmammut und Amerikanisches Mastodon zusammen. Gerade letzteres war für den Gartenkürbis wichtig, denn die Vorfahren unserer Gartenkürbisse konnten nur durch die Großtiere verbreitet werden, da sie darauf angewiesen waren, dass ihre festen, nicht von selbst platzenden Schalen, gefressen wurden. Die Samen wurden wohl größtenteils unzerstört in einer gehörigen Portion Mastodon-Fladen-Dünger wieder ausgeschieden  (HIRST, 2019 THOUGHTCO.).

Für die ersten Menschen, die nach Amerika einwanderten, waren die Gartenkürbisvorfahren (und die anderen Arten der Gattung Cucurbita) zunächst einmal giftig. Sie machten lieber Jagd auf die Megafauna und trugen wahrscheinlich ihrerseits ebenfalls zu deren Aussterben bei. Trotzdem müssen diese Jäger vor 10 000 Jahren gleichzeitig Gefallen an den Kürbisfrüchten gefunden haben, denn Schalen und Samen wurden in bewohnten Höhlen gefunden. Weitere Untersuchungen an Phytolithen belegen, dass Gartenkürbisse vor 9000 Jahren schon deutliche Domestikationsspuren aufwiesen: die Schalen wurden weicher, die Samen größer und das Fruchtfleisch süßer, also weniger bitter und somit ungiftig. Vielleicht nutzten die Ureinwanderer getrocknete Früchte von Cucurbita ssp. zunächst als Behälter, wie es ihnen von Flaschenkürbissen (Lagenaria ssp.) bekannt war.

Mit etwas Übertreibung kann man behaupten, dass die Ureinwanderer Amerikas die Gartenkürbisse vor dem Untergang gerettet haben, da diese ja nicht ohne fremde Hilfe keimen konnten (LOPEZ-ANIDO, 2021).

Diese ersten Gemüsebauern halfen dann auch, insbesondere den Gartenkürbis, in ganz Amerika zu verbreiten.

 

Die Rolle einer stachellosen Biene bei der Verbreitung der Cucurbita

Angeblich war es Kolumbus selbst, der bereits 1492 den Kürbis auf Kuba kennen lernte. Die Verbreitungswege kann man heute sogar recht genau nachvollziehen, denn den Gartenkürbissen folgte eine kleine, stachellose Biene der Gattung Peponapis, die sich auf die Bestäubung von Kürbissen (C. ssp.) spezialisiert hatte. X).

Eine auch sehr spezialisierte Biene ist die Zaunrüben-Sandbiene. Sie ist wirklich auf die Blüten dieses Kürbisgewächses angewiesen. Um auf ihre Gefährdung hinzuweisen ist Andrena florea von der deutschen Wildtierstiftung Wildbiene des Monats Mai 2021 ernannt worden X).

Als die Europäer den Gartenkürbis und weitere Kürbisgewächse aus der neuen Welt in die Alte brachten, blieben die spezialisierten Bestäuber zurück. Die Bestäubung hierzulande übernahmen unsere wenig wählerischen Honigbienen, die es im vorkolumbischen Amerika nicht gab.

Der kleine Kürbis verbreitete sich quasi ad hoc in und über Europa und verdrängte den sehr wärmeliebenden Flaschenkürbis. Allerdings konnte er in Asien nicht so recht Fuß fassen. Die Inder, Indonesier, Japaner und Chinesen bevorzugen bis heute ihre Flaschenkürbisse und bestenfalls noch den Moschuskürbis.

Ein halbes Jahrhundert nach Einführung, im Jahr 1543 veröffentlichte Leonart Fuchs Zeichnungen im New Kreuterbuch von mehreren kleinen Kürbissen, allerdings unter dem Namen "türkisch Cucumer" und nicht unter "groß, klein oder lang Kürbs", womit er ausschließlich die Flaschenkürbisse bezeichnete X).

 

Bis weit ins 19. Jahrhundert glaubte man in Deutschland, dass Kürbisse aus dem Orient stammten, man verwechselte sie ganz allgemein mit Flaschenkürbissen und ordnete sie ihnen gattungsmäßig auch bei. Der Gartenkürbis hieß anno dazumal Melonenkürbis Cucurbita melopepo und die Wachsgurke Cucurbita ceratocreas (heute Lagenaria siceraria (LUCAS 1846).

In der chlorierten Ausgabe kann man das neben weiteren sehr detailgetreuen Merkmalen auch gut an den Blütenfarben erkennen.

Im Grunde genommen dauert der Begriffswirrwarr rund um Kürbisse bis heute an. Zwar sind die beiden Gattungen Cucurbita und Lagenaria bestimmungstechnisch exakt getrennt worden X), aber sobald die großen Panzerbeeren von C. maxima oder C. pepo zum Verkauf stehen, werden sie sämtlich,  in einen "Topf" (Marktkiste) geworfen. Die sogenannte "Verkehrsbezeichnung" sagt eben nichts mehr über Verwandtschaftsverhältnisse aus X).

Vielleicht ist das ja auch der Grund dafür, dass der VEN weder den großen noch den kleinen Kürbis zum Gemüse des Jahres kürte. Wenigsten als Arzneipflanze des Jahres 2005 ist der Gartenkürbis dann aber doch zu Ehren gekommen X) X).

Domestikation

Kürbis: Cucurbita Pepo (Campanulatae, Cucurbitaceae). Welch unerschöpflicher Formenreichtum liegt zwischen dem winzigen Stachelbeer- und dem enormen Zentnerkürbis! Wie die Zierkürbisse gleichsam eine Tändelei der bildenden Natur bedeuten, zeigt sich dieselbe in den gigantischen Formen der Riesen- und Mammutkürbisse in fast tropischer Vegetationskraft." Quelle: S. 148 LANGE (1912)Vom Gartenkürbis nimmt man heute an, dass er zweimal domestiziert worden ist und zwar beide Male im geographischen Nordamerika: Seine Vorfahren heißen C. pepo spp. texana, C. pepo spp. pepo sowie C. pepo spp fraterna und C. pepo spp ozarkana.

Die Gruppen Straightneck, Crookneck, Scallop und Acorn stehen der Unterart Texana am nächsten.

Die Gruppen Vegetable Marrow, Zucchini, Cocozelle und Pumpkin der Unterart Pepo.

Viele Halloween-Schnitzkürbisse gehören zur Pumpkin-Gruppe und sind somit Sommer-Gartenkürbisse!

Dem Ölkürbis wird häufig die Ehre zu Teil als eigene Varietät aufgeführt zu werden: C. pepo var. styriaca .

Erfahrungen aus erster Hand aus Coras Garten

Gartenkürbisse haben wunderbar große Blüten. Sie eignen sich idealerweise zum Ausprobieren gezielter händischer Befruchtung. Die pollentragenden Pinsel und die Stempel mit den Fruchtknoten darunter, sind in den großen Blüten besonders einfach zu erkennen. Wenn man Gartenkürbisse bewusst kreuzen will, dann muss man allerdings früh aufstehen, damit einem die Bienen nicht doch noch zuvorkommen. Zusätzlich sollte man am Vorabend die Blüten, von denen man denkt, dass sie in den Morgenstunden aufgehen werden (weil sich ihre Blütenblätter schon etwas auseinanderspreizen), mit Malerkrepp dicht zukleben.

Keine Blüte blüht unendlich lang, die Blüten der kleinen Kürbisse sind gerade mal einige Stunden fruchtbar. Der Pollen sollte ganz frisch sein, also von einer kurz vorher gepflückten männlichen Blüte (unbedingt) einer anderen Pflanze stammen, sonst nimmt man Selbstungen vor, die nach einigen Wiederholungen zu degenerativen Erscheinungen führen können. Meist nimmt aber einfach nur die Fruchtbarkeit ab, d.h. die zu eng verwandten (zu homogenen) Pflanzen setzen keine oder kaum Beeren an.

Anbautipps für Gärtner und Köche

Anbautipps für Gärtner und Köche

  • Profis erwärmen den Boden, indem sie schwarze Mulchfolie auflegen und dann in den erwärmten Boden säen oder pflanzen. Mulchfolie ist meist aus Plastik, das irgendwann zu Mikroplastik zerfällt, wenn es nicht richtig entsorgt wird.
  • Bei Voranzucht im Topf sind größere Töpfe (Standardtöpfe mit einem Durchmesser von 11 Zentimetern, sogenannte 11er) geeigneter als kleinere, die Pflanzen können ihre typischen Wurzeln besser entwickeln und danken es mit einer früheren Ernte.
  • Jungpflanzen, die zu früh beziehungsweise vor dem letzten Nachtfrost ausgesetzt wurden, müssen mit Vlies geschützt werden. Dies bewahrt später auch vor Blattlausbefall. Die Schädlinge können nämlich nicht nur saugen, sondern auch Viren übertragen.
  • Trick: Wenn man nur eine Sorte anbaut und die Nachbarn auch, dann sollte man einige Pflanzen circa 2 Wochen früher anbauen, denn sie dienen dann als natürliche Befruchter. Es ist nämlich so, dass die erste Blüte eines Zucchino immer eine weibliche ist, und die braucht die etwas älteren, weiter entwickelten und bereits männliche Blüten tragenden Brüder. Danach kommen zumindest bei mir immer etliche männliche Blüten, bis Wochen später wieder die weiblichen erscheinen und Früchte tragen.
  • Zucchini können auch noch in raueren Mittelgebirgslagen gut wachsen. Frost mögen sie trotzdem nicht.
  • Um Mehltau bei ungünstiger Witterung einzudämmen, empfiehlt es sich, abends nur dann zu gießen, wenn noch ausreichend Tageswärme das Wasser auf den Blättern trocknen lässt. Manchmal reicht schon Tau für die Entwicklung des Pilzes, so dass morgendliches gießen nur an heißen Tagen in Betracht kommt.
  • Die Anzahl der Früchte hängt ab von der Ernte, je mehr und je jünger beziehungsweise unreifer geerntet wird, desto mehr neue Blüten werden angesetzt.
  • Händische Befruchtung ist auch in kühlen Jahren, in denen der Fruchtansatz überhaupt zu wünschen übriglässt, ein probates Mittel für eine bessere Gemüseernte.
  • Wenn man Zucchini in Furchen setzt, können sie einfacher mit Vlies abgedeckt werden, ohne dass die zarten Pflanzen vom Vlies beschädigt werden, da dieses auf den Dammkronen aufliegt.
  • Für eine Gemüseernte bauen die Profis mehrere Sätze hintereinander an und ernten immer nur die ersten zarten Zucchini.
  • Bewässerungssysteme (Tontopf, Tröpfchenbewässerung), welche die Blätter unbenetzt lassen, sind vorteilhaft, vor allem in der Phase des Beerenwachstums, in der die Sommerkürbisse von reichlich Wasser besonders profitieren.
  • Falls im Herbst das Wetter nicht mehr so recht mitspielt und die Blätter echten Mehltau bekommen, kann man diesen mit einer Wasser-Buttermilch-Emulsion besprühen und so den Befall noch ein wenig im Zaum halten und die Blätter noch etwas stoffwechseln lassen.

Tipps für Erhalter

Meist schlagen die kleinen Kürbisse bei Reife in der Farbe um, so glaubt man gar nicht, dass sie leuchtend gelb sein können und auch von der Größe her eher an Winterkürbisse erinnern.

  • Für eine optimale Frucht und damit Samenentwicklung brauchen Sommerkürbisse in der Phase des Beerenwachstums ausreichend Wasser.
  • Stress in Form von Wassermangel oder Kälte führt zu vielen männlichen Blüten.
  • Der Ansatz von männlichen Blüten ist eher weniger sortenabhängig, jedoch ist die Witterungsempfindlichkeit stark von der gewählten Sorte abhängig, so dass dies indirekt wieder auf den Blütenansatz wirkt.
  • Ich glaube, dass es den Menschen vor allem um die Formenvielfalt ging, als sie Zucchinisorten auslasen. Die bei uns üblichen Zucchini-Sorten sind in der Hauptwachstumsphase weniger kälteempfindlich als Winter-Kürbisse, und vielleicht könnte man sie weiter in dieser Richtung züchterisch beeinflussen. Im Herbst sind sie im Vergleich mit den "Großen" dann aber wieder empfindlicher, schon bei den ersten kälteren Nächten bekommen sie Mehltau.

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