Domestikations- und Kulturgeschichte

Einst waren die kleinen und aufwendig zu putzenden Rübchen in den Fürstenhäusern als Delikatessen beliebt. Sowohl die Bayrische Rübe, als auch die Märkische Rübe (mit dem Teltower Rübchen) wurden nicht aufgrund ihrer Größe, sondern des besonderen Geschmackes wegen angebaut, gerne auch absichtlich auf kargeren Sandböden, die das Aroma positiv beeinflussten. Als im 17. Jahrhundert die Kochbücher aufkamen, wurden sortenspezifische Rezepte gedruckt, wie z.B. im Nürnberger Kochbuch zur 'Pfatterer Rübe'.

Die Anbautradition reicht aber mindestens bis ins Mittelalter (16. Jahrhundert) zurück, bezeugt durch FUCHS (1543): "Die zamen Rübe wachsen fast an allen orten unseres Teuschen Lands un werden vom Samen in feuchten Äckern gepflanzt."

Die Sage vom Rübezahl ist genauso alt. Der Berg- oder Naturgeist kam zu seinem Schimpfnamen, weil er der List der von ihm entführten Königstochter Emma aufgesessen ist. Diese schickte ihn auf seinen Zauberrübenacker, um diese zu zählen, während sie die Zeit zur Flucht nutze. Der Herr der Berge, wie er angesprochen werden möchte, baute nämlich Rüben an, die sich in jedes gewünschte Lebewesen verwandeln ließen. In einem Korb brachte er regelmäßig seiner Angebeteten davon mit. Leider verging der Zauber so schnell wie die Rüben welkten.

Laut Sage müssen die Rüben damals also schnellwachsend, immer verfügbar, nicht lagerfähig und klein (viele passten in den Korb) gewesen sein. Zudem waren die Rüben adelstauglich (Königstochter). Deshalb glaube ich auch, dass der Waldschrat Rübezahl nur Wasserrüben angebaut haben kann. Und somit zeugt er ebenfalls von der langen Anbautradition insbesondere im schlesischen Riesengebirge, wo der Berggeist der Sage nach seine Heimat fand.

Ich stelle mir vor, dass er, solange man an ihn glaubte und ihm mit Respekt begegnet, hilft, die Sortenvielfalt seiner Zauber-Wasserrüben zu erhalten.

In meinem Garten wächst dieses Jahr eine kleine Rarität heran, nämlich die Pfatterer Rübe. Der Geschichtenschreiber Kaiser Maximilian I erwähnt sie bereits um 1500, und sie war damals mindestens so bekannt, wie später ihre Teltower und Bairische Kollegin.

Neben den Rübenformen haben die Europäer auch Blattformen aus dem stets behaarten, hellgrün erscheinenden Rübsen ausgelesen. (Das Laub des Rapses, bzw. der Napus-Rüben erscheint hingegen im Vergleich bläulicher und glatter.)

Der als Blattgemüse genutzte Rübsen-Abkömmling namens Stielmus oder Rübstil wurde von einem holländischen Züchter namens Namenia bearbeitet. In den 90iger Jahren des letzten Jahrhunderts war es dann die Züchterfirma Rijk Zwaan, die eine Sorte Stielmus zu seinen Ehren 'Namenia' taufte.

In Asien wurden die Ahnen des Rübsens in kopfbildende und lose-rosettenbildende und dicke-rippenbildende Formen ausgelesen, die wir heute u.a. als Chinakohl und Pak Tsoi (oder Pak Choi) kennen.

SCHLIPF (1859) beschreibt vor 170 Jahren den genialer Mischanbau: "In neuerer Zeit wird der Samen dieser Stoppelrüben in einigen Gegenden des Neckarthals im Monat Juni dünne über das Dinkelfeld oder auch über die Kartoffeln, nachdem sie gehäufelt sind, ausgestreuet, so daß die Rübenpflanzen sich schon entwickelt haben, wenn die Dinkelernte eintritt."

Die Knospen- bzw. Blumenform Brokoli Raab habe ich einjährig und zweijährig angebaut, meine dazu aber, dass die bessere Saatgutqualität erst durch das Überwintern herangewachsen ist. Bei uns ist der Brokoli Raab, auch Rapini und Cime di Rapa genannt, die einzige Blumenform. In Asien hingegen sind mehrere Formen mit dieser Nutzung ausgelesen worden (Tatsoi, Rosella).

Noch etwas verbindet die europäischen mit den asiatischen Rübenbauern, beide haben bei diesem Gemüse die milchsaure Vergärung zur Konservierung genutzt: ob Rübsen und Stoppelrüben als Silage für das Vieh oder Rübenkraut (wie Sauerkraut) auf dem europäischen und Kimchi auf dem koreanischen Teller. (Rübenkraut ist hier nicht zu verwechseln mit dem Zuckerrübenkraut aus der Zuckerrübe).

Erfahrungen aus erster Hand aus Coras Garten

Saatgutgewinnung ganz praktisch

Auch wenn es mir selbst noch nicht gelungen ist, Pfatterer Rüben anzubauen, so funktioniert die Saatgutgewinnung prinzipiell wie bei ähnlichen Kreuzblütlern, etwa Salatrauken oder Rapinis.

Ich sehe die Problematik eher im Anbau dieser seltenen Rüben!

Erfahrungen mit Rapini

Rapinisamen

Reife Samenträger (deren Stängel vertrocknet sind) schneidet man ab und steckt sie in einen Baumwollsack oder ein Kopfkissen mit Reisverschluss. Dann tritt man mit weichen Gummilatschen darauf rum. Reifen harten Samen macht das nichts aus. Durch Schütteln des Sackes/Kissens finden sich die Samen in einem Zipfel. Das Stroh kann erst mal grob entnommen werden und die Samen kann man bei Bedarf, wenn viel Spreu dabei ist, nochmal

 

Anbautipps für Gärtner und Köche

  • Nach SCHLIPF sind die Wasser-bzw. Stoppelrüben sogar noch für ärmere Böden, wo nur Roggen und Gerste wächst, geeignet. Damit kommt auch Sandboden für sie in Frage.

  • Sie wurden Schlipf zufolge wohl gerne nach Gerste und Roggen angebaut, eben zwischen die Stoppelfurchen eingesät. Dazu mussten die Samen fest angedrückt werden (z.B. durch Walzen).

  • Von Kopfformen können die Samen in Torfquelltöpfchen gesät werden, um die Wurzeln nicht zu beschädigen. Das erspart das Pikieren und sorgt für kräftigere Pflanzen.

  • Generell gilt, dass vorgezogenen Sorten Umpflanzaktionen schlecht vertragen, sie bewurzeln schlecht, aber desto besser der Wurzelballen entwickelt ist, desto höher wird auch der Ertrag.

  • Wenn bei Direktsaat zu eng gesät wurde, muss man später vereinzeln und kann das Erntegut egal von welcher rapa dann wie Rübstil verwenden.

  • Die Kopfbildung beim Chinakohl ist durch das langsamere Wachstum bei um die 12°C möglich. Zusätzlich mag er maritimes (feuchtes) Klima, was ebenfalls für den Herbstanbau spricht.

  • Man kann Kopfformen wie Chinakohl durch Zusammenbinden bleichen, üblicherweise ist er aber durch die Wuchsform selbstbleichend.

  • Zuviel Stickstoff befördert bei Chinakohl auch Innenbrand.

  • Braucht Kalk im Boden und Bor, wenn letzteres fehlt, kann es bei Kopftypen eher zu Innenblattfäulen kommen.

  • Chinakohl ist sehr lichthungrig.

  • Auch Chinakohl und Pak Choi können wie klassischer Rübstil dicht gesät und dann als Blattgemüse geerntet werden.

  • Ein Anbau in Sätzen im Freiland alle 2 Wochen ist für die Bedienung des Frischmarktes üblich
    (Beginn 15.04 bis 01.08).

  • Wird gerne von Erdflöhen (besonders bei Trockenheit) und auch Kohlweißlingen heimgesucht (was wiederum gegen den Anbau auf Sandböden spricht).

  • Kann Nitrat anreichern, deswegen sparsam mit N-Düngung sein (steht am besten in 2. Tracht).

  • Manche Winterrübsensorten sind bis -9°C frostunempfindlich.

  • Meistens macht der permanente Wechsel zwischen Einfrieren und Auftauen, zwischen Kälte und Nässe den Pflanzen im Spätwinter den Garaus.

  • Überwinterung von Jungpflanzen bei 1°C und hoher Luftfeuchte ist für bis zu 5 Monate möglich.

  • Asiatische Kopfformen können mit samt Wurzel bei +- 1°C für 1 3 Monate und hoher Luftfeuchte gelagert bzw. überwintert werden (z.B. Garage, Kühlraum, Rübenkeller).

  • Je langsamer Pflanzen wachsen, desto kälterobuster werden sie (bei mir hat ein Chinakohl den Winter überlebt und blühte dann).

  • Wer Chinakohl zu warum vorzieht, büßt das mit erhöhter Frostempfindlichkeit ein > also abhärten!! Abhärtung bei Temperaturen von 5 – 6° fördern die Vitalität.

  • Der Chinakohlkopf wird aus ca. 60! Blättern gebildet.

  • Mungbohnen sollen nach Chinakohl angebaut schlecht wachsen.

  • Gute Fruchtfolge: Getreide > Stoppelrüben > Leguminosen.

  • Gelbfleischige Rüben wachsen langsamer als weiße.

Tipps für Erhalter

  • Auch wenn BUTTALA meint, dass die Lebenszyklen, d.h. ihre unterschiedlichen Vernalisationsbedürfnisse noch nicht hinreichend bekannt seien, glaube ich eher, dass es für uns im Westen schwer ist an Informationen aus dem chinesischen und japanischen Asien zu kommen.

  • Auch wenn es unter der Art Rapa Sorten gibt, die für Herbst- und Maiaussaat geeignet sind, sollte der richtige Aussaatzeitpunkt gewählt werden, da dies ja mit zur Auslese von Sommer-, und Winterformen geführt hat (eben den besagten Mai- und Herbstrüben).

  • Der im Chinakohl manchmal auftauchende Innenbrand ist leichter über die Kulturführung und Düngung und weniger über die Gene zu beeinflussen.

  • Saatgut von überjährigen Pflanzen ist generell höherwertiger als das von einjährig gezogenen Pflanzen.

  • Wer seine Herbstrüben richtig bonitieren (einzeln begutachten) möchte, der muss diese im Oktober aus dem Beet nehmen. Zum Einwintern werden die Blätter ca. zwei Fingerbreit über dem Vegetationskegel abgeschnitten. Zur Überwinterung ist ein (Rüben-) Keller mit gestampften Lehmboden am optimalsten.

  • Früher wurde auch in eigens gebauten, gut isolierten Rübenmieten überwintert, die allerdings eine laufende Entnahme für Speisezwecke erschwerten.

  • Gut angehäufelt hält die Herbstrübe unsere Winter auch im Beet aus. Dazu bleiben alle Blätter an der Rübe.

  • Herbstrüben sind schärfer, da sie sich deutlicher mit 2-Phenylehylsenföl gegen Bakterienangriff schützen.

  • Darüber hinaus wird der Geschmack von Rüben sehr von der Bodenart beeinflusst. Das muss man bei Verkostungen von Erntegut aus verschiedenen Gärten/Äckern berücksichtigen.

  • Rübsen sind viel genügsamer als Raps (napus) und blühen auch früher.

  • Bei hohen Temperaturen im Frühjahr blühen die europäischen (kältegewohnten) Rapas.

  • Blütenstand entwickelt sich meist mit nur Zweigen 1. Ordnung.

  • Ursprüngliche Typen haben haarige Blätter (ist vielen Blattformen aberzogen worden).

  • Die im generativen Wachstum geformten Blätter sind wesentlich ausdifferenzierter als die im vegetativen Gewachsenen.

  • Die Rüben werden erst um ihren Äquator, dann um die Schulter dicker.

  • Selbstunverträglichkeitsmechanismen sind bekannt, Damit kann es aber, zumindest was Chinakohl angeht nicht so weit her sein, da eine einzige Pflanze bei mir im Garten blühte und Samen ansetzte. Zumindest dieser muss eher ein selbstvertiler Fremdbefruchter sein.

  • Für die Vernalisiation sind Pflanzen im 6-8 Blattstadium empfänglich.

  • Asiatische Formen haben die geringsten Vernalisationsansprüche, bei Temperaturen unter 7°C benötigen sie um die 4 Wochen.

  • Hitze fördert vorzeitiges Schießen.

  • Westliche Sorten sollen bereits im Keimen für den Kältereiz empfänglich sein.

  • Saatguternte, wenn Pflanzen braun werden und vertrocknen, fallen leicht aus.

  • Die Blütezeit zieht sich über einen Monat hin. Deswegen muss geerntet werden, wenn 2/3 reif sind.

  • Das Längenwachstum des Hypokotyls hört nach SINGH, ASATI im 6-Blattstadium auf, ist also zu diesem Zeitpunkt bei Rübenformen zu beurteilen (höher wird auch die Rübe nicht).

  • N-Kopfdüngungen können zum Lagern der Frucht führen.

  • Für die Hybriderzeugung ist das Verhältnis von Vater – zu Mutterlinie 1: 1 oder 1:2.

  • Junger Chinakohl überwintert einfacherer, deswegen zur Saatgutgewinnung späte Aussaat, so ab September (im Gewächshaus).

  • Chinakohl: Vernalisation 2 Wochen bei 5 - 8 °C, bei über 20 °C Schosshemmung und schossen erst nach Kopfbildung.

  • Man kann die schießenden Pflanzen entspitzen um die Seitentriebblildung zu fördern. Dann erhält man mehr Saatgut. Ob es qualitative Unterschiede zwischen Saatgut erster und zweiter Ordnung gibt, kann ich nicht sagen. Diese Maßnahme macht die Pflanzen auch stabiler, d.h. sie fallen nicht um.

  • Chinakohl vernalisiert bereits unter 16°C. Bereits der Samen empfängt den Reiz wenn er bei dieser Temperatur quillt. (Schossen immer erst nach Kopfbildung).

  • Die Festigkeit von Chinakohlköpfen ist sortenabhängig (Fließender Übergang zu Rosettenformen).

  • TINDALL schreibt, dass juncea das Ergebnis der Vereinigung von B. rapa mit B. nigra sei mit einem neuen Chromosomensatz 2n = 36 Chromosomen.

  • KRUG meint, dass Chinakohl aus einer Kreuzung von Pak Choi mit der Speiserübe hervorgegangen sei. 

 

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