Die Tabalugawurzel – Schon vor 150 Jahren zum Anbau empfohlen

Topinamburwurzeln umrahmt von verwilderten Topis

Wilde und zahme Topinamburspindeln

Im Jahr 1603 brachte der erste kanadische Gouverneur Samuel de Champlain (er kolonialisierte das damals noch Neufrankreich genannte Kanada) die Spindeln als Mitbringsel nach Europa, wo sie schnell Verbreitung fanden. Bereits 1626 waren sie in Deutschland bekannt 1)2) und landeten so auch lange vor den Kartoffeln auf unseren europäischen Tellern. Erst fast ein Jahrhundert später, also um 1750 und nach einigen königlich-kaiserlich initiierten Kartoffel-Kampagnen wurden die Erdbirnen von den Erdäpfeln in die Schranken gewiesen (Wonneberger). Topis wachsen verhältnismäßig langsam und können (Knollen-)ertragsmäßig nicht mit Kartoffeln mithalten. Dafür brauchen sie aber auch nicht so viel Stickstoff, wie letztere, denn das, was sie brauchen können sie sich während ihres langsamen Wachstums nach und nach auch aus sehr kargen Böden aufschließen.

Letztlich führten die genannten Umstände trotzdem dazu, dass man das als Jerusalem Artischocke bekannte Topi SchlipfSonnenblümchen in den Küchen vergaß. Eine Weile wurde noch sporadisch Schnaps gebrannt, aber spätestens im 19. und weit bis ins 20. Jahrhundert waren die gesunden Knollen dann vergessen. Die Topinambur nahm daraufhin ihr Überleben selbst in die Hand: sie machte sich auf, von den einstigen absichtlich als Wildäsung gepflanzten Stellen  neue Brachen als Neophyt zu erobern 3) 5). Heute blüht eine dünnspindelige Variante mancherorts im Herbst recht üppig. Sie liefert die letzte Nektartankstelle im Jahr für die Insekten. Apropos Tankstelle: in der modernen Landwirtschaft finden immer wieder Versuche statt, die Topinambur hinsichtlich ihrer Biotreibstoff-Qualitäten zu testen.5)

Mit dem neuen Ernährungsbewusstsein der Ökobewegung der 80iger Jahre tauchte die Topinambur-Spindel dann auch wieder in den Küchen auf und wurde über Bioläden und Ökokisten vertrieben.

Dass der Name Topinambur abgeleitet ist vom Stammesnamen eines Indianervolkes, steht auf vielen Internetseiten. Meinen Arbeitskollegen war der Name zu exotisch und sie nannten meine als Brotzeit mitgebrachten Spindeln, kurzerhand Tabalugawurzel. Mit dem kleinen grünen Drachen, der von einem Rockmusiker (Maffay), seinem Texter (Gottschalk) und einem Kinderliedermacher (Zuckowski) gemeinsam ersonnen wurde hat die Spindel insofern Gemeinsamkeiten, als dass sie äußerst widerstandsfähig ist und wenn man die Blatt- und Stängelmasse mitrechnet, drachenhaft wächst (als Biomassefrucht ist sie der Kartoffel weit überlegen!).

Sie besitzt zudem eine sehr gute Regenerationsfähigkeit, d.h. sie sprießt  immer wieder, genau wie abgehauene Drachenköpfe "sagenhaft" nach. Die Nordamerikanischen Ureinwohner haben die bei Ihnen "Hixben" genannte Pflanze entweder geliebt oder als 'Nahrung verwaister Knaben' (Serena et Al, 2014) abgetan. Aber auch sie kannten diese Pflanze oder die ähnliche H. maximilliana schon als Futter – und Nahrungspflanze 2).Topi Manufaktur Allgaeu

Für mich ist die Topinambur damit eine echte Mehrnutzungspflanze, denn ich kann ihre Spindeln und Triebe essen, ich schätze ihre spätblühenden Eigenschaften, die dann in meinem Ziergarten nochmal gelbe Farbe bringen, wenn die normalen Sonnenblumen lange verblüht sind und zudem erfreue ich mich an ihrem schokoladigen Duft, den zerbrochene Blütenböden verströmen, wenn man seine Nase dicht daran hält.

Als Windschutz taugen die 3m hohen Pflanzen bei mir nicht, auch wenn diese Nutzungsform überall beschrieben wird, bei mir kippen sie leicht um. Trotzdem kann sie als einstige Präriepflanze mit dem Wurzelgeflecht von Gräsern konkurrieren, was sie teils lästig, aber auch pflegeleicht macht 5). Sie drängt Pestwurz zurück und laut Bekannten auch den jap. Riesenknöterich.

In der Diätküche hat die Inulin haltige Knolle ihren festen Platz (rück-)erobert. Der Asternzucker braucht im menschlichen Körper kein Insulin um verstoffwechselt zu werden, bzw. ohne die Bakterien im Dickdarm, könnten wir gar keine Energie aus den Spindeln aufnehmen. Inulin ist somit ein (gesunder) Ballaststoff. Er ist ein sehr langkettiger Zucker aus bis zu 100 Einfachzuckern aufgebaut 4) 6). Anthroposophen halten Zucker für mineralisiertes Licht. Und sie schätzen den Asternzucker als wesentlich gesundheits- und geistesförderlicher ein, als etwa vergleichbare Kartoffelstärke oder den Zweifachzucker der Zuckerrüben 7). Industriell lässt sich aus den Spindeln auch Fructose gewinnen, dazu wartet man mit der Ernte aber bis nach dem Frost, denn erst nach dessen Einwirkung lässt sich auf hydrolytischem Weg der Fruchtzucker gewinnen. 4) 6)

Mit ihren hohen Kalium und Eisengehalten, als auch mittels der Stoffwechselprodukte der Bifido-Bakterien, die das Inulin und die Fructose für uns aufschließen, ist die Topinambur ein idealer Schlankmacher. Die bei der Verdauung entstehenden Propionate4) 5) 6) fördern das Sättigungsgefühl (bzw. zügeln den Appetit), die ebenfalls entstehenden Gase bewirken Flatulenzen. Da die Bifido-Bakterien in unserem Darm erst mal richtig angefüttert werden müssen, kann man sich somit allmählich an die Asternzucker gewöhnen, d.h. die Blähungsneigung lässt nach. Und dann regelmäßig verzehrt beugt Topinambur sogar Darmkrebs vor 5). Und nachdem ich gehört habe, dass es Allergiker gibt, die keine Milchsäurebakterien im Darm haben, könnten Inulin und Oligofruktose auch hiergegen nützlich sein.

Als erstes wurde Inulin übrigens im Alant (Inula helenium) entdeckt, ob Alantwurzeln allerdings schmecken, habe ich noch nie ausprobiert.

Typen und Sortenkunde

Kreuzungsmöglichkeiten

Topi KreuzungsmoeglichkeitErste Zuchtversuche in Europa wurden erst Anfang des 20. Jahrhunderts durch den berühmten Vilmorin auf Korsika durchgeführt x5). In Münden bei Celle gab es bis fast 1980 einen Züchter von dem heute noch einige Sorten unter Schutz stehen (Küppers) 2) 8) . Die aktuellen Züchtungsbemühungen finden aber in Rumänien, Ungarn und Tschechien statt. 'Beloslupke'  8), ist die älteste Sorte in Tschechien und seit 1959 dort gelistet.

Die ohne Anmeldung recherchierbare EU-Plant-Variety-Datebase wirft keinerlei Sorten aus und die UPOV hat keine Test-Guidelines aufgestellt. 8)

Die Sorten könnten hinsichtlich der Nutzung unterschieden werden:

☼ Zu Fütterungszwecken

☼ Zu Nahrungszwecken

☼ Als Rohstofflieferant

☼ Als Zierpflanze

Die Unterscheidung der Sonnenblumen-Arten erfolgt über die Kelchblätter, bzw. deren Länge im Verhältnis zum Blütenblatt. Gute Botanische Hinweise bietet die Seite "Minnesota Wildflowers". 12)

  1. tuberosus hat haarige spitz zulaufende Kelchblätter von ca. 12mm. Sie biegen sich etwas von der Blüte weg.
  2. strumosus hingegen hat sehr kurze Kelchblätter, die kaum über den zentralen Blütenboden hinausgucken Die Kelchblatträndchen sind mit Härchen besetzt. Die Unterscheidung hinsichtlich der Spindelformen halte ich für zu vage, diese kann eher bei der Sortenerkennung angewendet werden.
Sorten vor 120 Jahren

Es wurde zumindest im damaligen Standardwerk SCHLIPF nicht nach Sorten unterschieden.

Sorten aus Roter Liste

Hier sind keine Sorten gelistet.

Sorten für den Bioanbau 2017 von FIBL empfohlen

Es liegen keine Empfehlungen vor.

Sorten heute (solche mit Sortenschutz sind mit © gekennzeichnet)

'Arancha'; 'Aurora Rubin'; 'Avella'; 'Bianca' (Züchter Küppers); 'Biosem'; 'Blauauge'; 'Blaue Französische'; 'Buttede Bertha'; 'Chipolata'; 'Dietlikon'; 'Drago'; 'Dwarf''; 'Dwarf Sunray'; 'Gföhler Rote'; 'Gigante' ©; 'Gute Gelbe'; 'Kompakte Violette'; 'Küppers Rote Zonenkugel' (Züchter Küppers); 'Lola' ©; 'Nora'; 'Patate'; 'Red Flame'; 'Rote Keule'; 'Rote Zonenkugel'; 'Rozo'; 'Sativa'; 'Schönenbuch', 'Topinankas' (Züchter Küppers); 'Topstar' ©; 'Urodny'; 'Violet de Rennes'; 'Voelkenroder Spindel' ©; 'Waldspindel' (Züchter Küppers); 'Weiße Schweizer'; 'Weiße Trüffel'; 'Villnacher'; 'Witzenhausener Zapfen'

Auslesekriterien und Saatgutgewinnung

Während des vegetativen Wachstums

☼  Frosthärte des Laubs (-5°C mehr oder weniger?)
☼  Frühzeitigkeit des Austriebs nach dem Winter
☼  Geringe Pflanzenhöhe oder hohe Standfestigkeit (Windbruch)
☼  früher Spindelansatz (Tagneutrale Eigenschaften)

Während des generativen Wachstums

☼  Standfestigkeit (Windbruch)

Nach der Ernte in Genussreife

☼  Diätik: Inhaltsstoffe wie Polysaccharide,
☼  weniger Blähungen (heißt aber mehr andere Zucker!)
☼  Größe und Form der Spindeln (möglichst glatt und groß)
☼  Farbe der Spindeln (weiß, gelb, braun, lila)

Nach der Ernte des Pflanzguts

☼  Lagerfähigkeit auch außerhalb des Bodens

UPOV Test Guidelines

Keine vorhanden.

Vorschlag für unkonventionelle Züchtungsansätze

☼  rötliche Blütenfarbe für Zierzwecke
☼  intensiver Schokoladeduft

Saatgut-bzw.. Pflanzgutgewinnung ganz praktisch

Dazu kann ich leider nichts beitragen, da weder der Gemüse-Topinambur, noch der verwilderte, zwischenzeitlich heimische Topinambur bei mir  Samen angesetzt haben, bzw. diese noch nie reif geworden sind.

Das Pflanzgut, die Spindeln, verderben jedenfalls sehr schnell, d.h. nach der Ernte sollten sie sofort wieder unter die Erde.

Anbautipps für Gärtner und Köche

 
Echte Topi Bluete

Blüten echter Topinambur

Echte Topi mit Knollenansatz

Sprossknollenansatz echter Topinamburs

☼ Auf Sandboden erhält man schlechtere Erträge, es sei denn man beregnet ausführlich.

☼ Topinmabur steht gut in 2. Tracht, denn bei zu großzügiger N-Versorgung bildet sie viel Kraut und weniger Spindeln.

☼ Die Pflanzen können im Erwerbsbau bis zu 4 Jahre auf einem Feld verbleiben und immer wieder berentet werden, Permakulturverfechter sprechen sogar von noch längeren Stand- und Erntezeiten.

☼ Sie unterdrückt Unkraut, wird aber selbst welches….

☼ Wenn die Stängel umfallen tut das dem Wurzelwachstum keinen Abbruch, Häufeln, die richtige Sortenwahl oder das Kappen der Spitzen (1m Kraut bleibt stehen) helfen dagegen. Bei meinen wenigen Stängeln hilft zusammenbinden.

☼ Die einzige "Krankheit" die Topinambur kennt sind Wühlmäuse. Wer davon geplagt ist, der sollte als die Topis als sogenannte Pull-Pflanze am Rande vom Garten anbauen.

☼ Der hin und wieder auftretende Mehltau mindert den Spindelertrag nicht.

☼ Zieht Schnecken magisch an, d.h. am Beetrand als Attraktor setzen.

☼ SCHLIPF schreibt, dass im Sommer bis zu 2x (allerdings auf Kosten des Knollenertrags) die Stängel mit Laub für Viehfutter geschnitten werden können.

☼ Die Ernte ist immer möglich, wenn der Boden offen ist (Miete ganzjährig).

☼ Das Polysaccharid Inulin bewirkt, dass der Körper mehr Calcium aufnimmt.

☼ Angeblich entwickelt sich der beste Geschmack erst nach dem Frost, was ich allerdings nicht bestätigen kann. Allerdings werden sie bekömmlicher, d.h. blähen weniger (sofern man nicht eh schon die richtigen Darmbakterien besitzt). Die Spindeln können durchfrieren und trotzdem überleben.

☼ Dämpfen ist besser als Kochen, da lässt sich der optimale Garzeitpunkt besser bestimmen.

☼ Gedünstete Topinambur lassen sich noch warm genauso wie rote Beete häuten, die Rinde rutscht einfach vom Mark ab.

☼ Die getrockneten Stängel halten als Rankhilfe 1-2 Jahre der Witterung stand

☼ Wer mag kann mal den Versuch machen, ob die geernteten Spindeln im Gemüsefach des Kühlschranks wirklich mehrere Wochen halten.

Tipps für Erhalter

 
Wilde Topi Blueten

Blüten verwildeter Topinamburs

Verwilderte Topi mit Knollenansatz

Sprossknollen verwildeter Topinamburs

☼ Die Legespindeln sollen nicht zerschnitten werden, so wie man es von Kartoffeln kennt.

☼ Gute Pflanzspindeln sind unbeschädigt und weisen mindestens 3 Augen auf.

☼ Das Pflanzgut sollte direkt aus dem Boden kommen oder aus erdfeuchten Mieten.

☼ Einige Tage offen an der Luft und in der Wärme überstehen sie zwar, es dauert aber lange bis sie sich erholen.

☼ Die Spindeln treiben ab 7°C wieder an (Treiberei ist möglich und die jungen Triebe lecker).

☼ Wo Wühlmäuse auftreten hat meine allerdings seine liebe Mühe mit einer guten Pflanzguternte.

☼ Die Blüte wird durch Vollsonne gefördert, für das vegetative Wachstum reicht Halbschatten.

☼ Samen werden nur im Kurztag gebildet.

☼ Samen reifen nur aus, wenn der anschließende Herbst wirklich lange trocken und warm bleibt (Korsika). Vielleicht haben wir ja mit dem Klimawandel eines Tages auch bei uns Saatgut.

☼ Zusätzlich funktioniert der Samenansatz aber nur, wenn die Elternpflanzen deutlich heterogen sind, denn sonst verhindern Selbstinkompatibilitätsmechanismen das erfolgreiche Samenwachstum. Meist findet eine Befruchtung statt, der Embryo (wenn er nicht zuvor technisch gerettet wird) wird aber abgestoßen.

☼ Die Saatgutaufbereitung ähnelt der von Sonnenblumen.

☼ Es gibt geschützte Sorten von Arthybriden zwischen H. tuberosus und H. annus. Laut Toensmeier können sich die beiden auch spontan kreuzen, wobei sie aber äußerst selten zur gleichen Zeit blühen.