Domestikations- und Kulturgeschichte

LONICERUS (1679) Der Safft dieses Kruates und Wurzeln / ist ein gewisse Hülff / wider das Gifft der Schlangenbiß und anderer gifftigen Thier / und wider gifftige Krankheiten zusampt der Pestilentz.

"Ein Kraut wider alle Zauberey, zu allen jetztgemeldeten Gebrechen zu gebrauchen…" nennt LONICERUS (1679) die Schwarzwurzel. Ob Pest, Epilepsie oder Depression, ob Herz- oder Magenbeschwerden, Schwarzwurzel half als Universalheilmittel einst gegen diese Krankheiten: So glaubte man zumindest von der Antike bis ins 17. Jahrhundert. Die schmackhaften Wurzeln der Gattung Scorzonera sind in Europa sicherlich seit eh und je -mindestens für diese medizinischen Zwecke- wild gesammelt worden. Aber erst seit dem Mittelalter ist ihr Anbau in Gärten bezeugt: erstmalig durch Mattioli (1539); dann durch L. RAUWOLF in Aleppo um 1557 (WEAVER, 1997). Ab 1660 tauchten die schwarzen Wurzeln dann regelmäßig in französischen Küchengärten auf, und schließlich ab 1772 waren sie sogar in Pennsylvania als Schlangemord (Snake bane) bekannt.

In modernen Kräuterbüchern des 20 Jahrhunderts (z.B. HEEGER (1956) und WILLFORT (1958) wird nur noch die Verwechselungsgefahr mit Beinwell betont, da auch letztere vielerorts "Schwarzwurzel" genannt wird. Die Verwechselung sei deswegen so tragisch, weil Schwarzwurzeln angeblich keinerlei Heilkräfte besäßen.

In Amerika entwickelten sich daraufhin 4 Landsorten, die aber sämtlich verloren gingen. Heute werden von Saatgutaktivisten und Seedsavers weltweit die wenigen noch vorhandenen europäischen Sorten angebaut. Man kennt 'Russische Riesen', 'Hoffmanns Schwarze Pfahl', 'Einjährige Riesen' und 'Schwarzer Peter'.

In Bau- und Gartenmärkten kann man bestenfalls eine, wenn es hochkommt zwei Sorten kaufen, die aus den vorgenannten Sorten ausgelesen, bzw. "verbessert" wurden, wie 'Duplex' oder 'Verbeterde Reuzen Nietschieters'. Zudem ist das feilgebotene Saatgut (nach meiner eigenen Erfahrung) oft überlagert und schlecht gereinigt. Die stäbchenförmigen und unterschiedlich dicken Samenkörner sind nämlich eine Herausforderung für alle Reinigungs- und Sortiermaschinen.

Ich bedauere es, dass dieses absolut leckere und einfach anzubauende Wurzelgemüse so ein Nischendasein führt. Einst wurde sein Geschmack mit Austern verglichen, wie im Englischen Namen "Black oysterplant" noch zu erahnen ist. Zudem schaffte die schwarzrindige Gourmetwurzel es, die vor 500 Jahren verbreitete Weißwurzel (Haferwurzel) so zu verdrängen, dass sie vielen Gärtnern heutzutage komplett unbekannt ist! Und nun steht die Schwarzwurzel als Gemüseart selbst vor dem Aussterben, zumindest aber vor dem Vergessen werden!

Vielleicht schaffen es ja ihre sehr wohl vorhandenen Heilwirkungen sie zu rehabilitieren. Das in ihr enthaltene Inulin macht einerseits Blähungen und ist aber andererseits ein gutes Futter für die Milchsäurebakterien im Darm. Also für jene Bakterien, die stark mit unserer menschlichen Immunabwehr verknüpft sind. Wenn man diesen Zusammenhang berücksichtigt, muss man die Schwarzwurzel vielleicht doch als Allheilmittel einstufen! Zudem ist sie durch ihren hohen Stärkegehalt fast so nahrhaft wie Erbsen oder Kartoffeln und versorgt uns neben lebenswichtigen Mineralstoffen zusätzlich mit reichlich Vitamin E.

Gerade Permakulturgärtner sollten sich auf die mehrjährige Schwarzwurzel stürzen: ist ihr Laub doch mehrfach als Schnittsalat und ihre Wurzel noch im dritten Jahr als Wurzelgemüse zu gebrauchen.

Übrigens, wenn man gegen neue Züchtungsmethoden und gegen Gentechnik ist, die ich allesamt für gewaltsam halte, dann sollte man ganz bewusst auf Nischengemüse, wie die Schwarzwurzel setzen. Da die neuen Züchtungsmethoden aufgrund ihrer technischen Aufwändigkeit teuer sind, werden diese leider bevorzugt da eingesetzt, wo Gewinne winken, also bei den wirtschaftlich wichtigen Pflanzen.

Einen Lichtblick gibt es, denn die Bayerische Landesanstalt für Wein- und Gartenbau hat auf ihrem Bamberger Versuchsgelände 2011 einen Sortenversuch gestartet. Die Ergebnisse sind in einem Merkblatt abzurufen.

 

Erfahrungen aus erster Hand aus Coras Garten

Wächst und gedeiht mehrere Jahre lang. Hervorragende Zierpflanze, also auch in Blumenrabatten zu integrieren. Gute Mischkultur mit Weißwurzeln möglich, sieht besonders hübsch aus. Liefert im dritten Jahr die fettesten Samen.

Saatgutgewinnung ganz praktisch

Ich ernte die kompletten Samenköpfchen sobald der Pappus ein wenig sichtbar wird, will sagen, wenn die Blüte sich ein weiteres Mal öffnet, um ihre Samen dem Wind zu übergeben. Die Federchen reibe ich zwischen meinen Handflächen ab. Das ist verhältnismäßig mühsam, da in der "Wolle" die Samen verhaken. Wenn ich die Samen von den Flugschirmchen befreit habe, stelle ich mich in den Wind und lasse die Samen von einem Eimer in einen anderen fallen, dadurch lese ich die fettesten Samen aus. Die leichten und tauben Samen werden weggepustet. Zudem sortiere ich noch von Hand meine eigene "Elite" aus, das sind die allerdicksten und größten Samen.

Mittlerweile baue ich Haferwurzel und Schwarzwurzel gemeinsam an, und gewinne somit auch die Samen als eine Mischung.

 

Anbautipps für Gärtner und Köche

  • PHILIPPEN (2019) zählt die Schwarzwurzeln zu den Starkzehrern, was ich wegen des langsamen Wachstums und ihrer Fähigkeit Nährstoffe aus tieferen Schichten zu mobilisieren, verneinen würde. Für mich gehört dieses Wurzelgemüse zu den Mittelzehrern.
  • Alle Scorzonera sind sehr kalkhold.
  • Bis zum Aufgang sind die Sämlinge konkurrenzsschwach und müssen unkrautfrei gehalten werden. Wenn sich die Pfahlwurzel einmal entwickelt hat, dann können sie auch in Blumenrabatten mit anderen Stauden konkurrieren.
  • Mir ist es schon mehrfach gelungen junge Pflanzen umzupflanzen. Natürlich besteht die Gefahr, dass sich aus einer verletzten Wurzel "Beine" bilden, bei sorgfältigem Vorgehen und tiefem Pflanzloch knickt die Wurzel jedoch nicht und wächt ganz normal weiter.
  • Die Wurzel neigt übrigens nur dann zur Beinigkeit, wenn der Boden nicht genügend und tief gelockert wurde; das heißt, die Beinigkeit ist weitestgehend ein umweltbedingtes Phänomen, also weniger genetisch beeinflussbar.
  • Nicht geerntete Schwarzwurzeln können nach der Samenernte zurückgeschnitten werden, so dass der Blätterneuaustrieb im Herbst einen nicht bitteren, schmackhaften Salat ergibt.
  • Die Wurzeln der blühenden Pflanzen sind weiterhin essbar; manchmal verholzen die Pflanzen nie, d.h. sie sind durchaus noch im dritten Standjahr erntefähig.

Tipps für Erhalter

  • Zur Überwinterung können die Pflanzen entweder im Beet verbleiben, dann sind sie dankbar für eine Schicht Mulch, ansonsten kann man sie auch ausgraben und die Blätter auf 3 cm einkürzen und einmieten (ideale Temperatur kurz über dem Gefrierpunkt (0 – 4°C).
  • Aufgrund von möglichen Inzuchtdepressionen sollte bei einer Züchtung auf Massenauslese statt Individualauslese gesetzt werden (DEPPE, 1991).
  • DEPPE (1991) beschreibt ein von einem Freund gemachtes Experiment, wo zuvor noch erhältliche Sorten zur Schaffung von Variabilität miteinander frei abblühten. Durch in den folgenden Generationen vorgenommene Auslesen wurden Pflanzen mit besonders breiten und gestielten und zarten Blättern für Salat ausgelesen und vermehrt.
  • Die Neigung zum Schossen ist wenig genetisch, vielmehr von der Pflanzdichte beeinflusst! Deswegen sollen nicht mehr als 15 bis 18 Pflanzen auf dem Laufmeter stehen. Falls mehr auflaufen, sollten überzählige ausgezupft (ggf. umgepflanzt) werden.
  • Da man für eine reine Vermehrung keine Pfahlwurzel braucht, wäre eine Voranzucht denkbar. Wie gesagt, mir ist das Pikieren auch bei Schwarzwurzeln schon mehrfach gelungen. Allerdings ist die Wurzel bereits dreimal so lang, wie der oberirdisch sichtbare Keimling!
  • Um blühen zu können, brauchen nicht die Samen, wohl aber die Pflanzen selbst einen Kältereiz; das heißt, am erfolgreichsten blühen diejenigen Wurzeln, die im Beet überwintert haben. Wer sich entschließt, die Wurzeln doch im Keller überwintern zu lassen, der hat die besten Erfolge bei gleichbleibenden Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und zudem hoher Luftfeuchte. Man kann die Wurzeln wie Möhren oder Beeten in Sand und/oder Sägemehl einschlagen. Diese Überwinterung macht auch eine Verkostung von Wurzelspitzen möglich.
  • Die dicken Samen schimmeln gern, wenn der Erntezeitpunkt auf feuchte Regentage fällt. Auch sollten die dicken Samen nachgetrocknet werden. Wenn sie leicht auseinandergebrochen werden können, dann sind sie ausreichend trocken, d.h. ein paar Samen sollte man für diesen Test opfern.
  • Ob die in der Literatur gegebenen Hinweise auf Vorteile einer Herbstaussaat für Samenbau und Frühjahrsaussaat für Speisezwecke noch stimmen, muss man selbst durch Sortenversuche herausfinden. Da sich sowohl die Gemüseernte, als auch die Samenernte über mehrere Jahre erstrecken können, ist mir persönlich der Aussaatzeitpunkt nicht so wichtig. Theoretisch finden mit der Zeit durch wiederholte Herbstaussaat eine Verschiebung der Reifezeiten statt.

 

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