Domestikations- und Kulturgeschichte

Die Kuhbohnen werden seit dem Altertum genutzt. Gesicherte Hinweise sind knapp 4000 Jahre alt (veraschte Speisereste aus Ghana) X) X). In Westafrika wurden trockenresistenten Typen ausgelesen, die mit metertief wachsenden Wurzeln sogar im Sahel gedeihen. Wie man aus Sprachvergleichen vermutet, könnte die Domestikation eine Leistung der vor 5000 Jahren lebenden Bantu-Vorfahren gewesen seinX). Vavilov vermutete hingegen das Genzentrum der Kuhbohne noch im ostafrikanischen Äthiopien. Wobei es aber die Bantu selbst gewesen sein könnten, die auf ihren weitläufigen Wanderschaften die Kuhbohne von West nach Ost mitführten.

Die Kuhbohne hat mit der Azukibohne und der Mungbohne zwei Gattungsverwandte Der Anbau von Azukibohnen ist schon für eine Zeit vor 9000 Jahren belegt (NOCKER)

Weit verbreitet ist die Kuhbohne auch im antiken Indien (Hindustan), wo sie vor 3500 Jahren von den Ur-Indern in Kultur genommen wurde, also ein weiters mal "gezähmt" wurdeX).  Aus dieser Region stammen die eher monsun-toleranten, flachwurzelnden Typen.

Die Kuhbohne hat sich eine breite Palette von Klimata angepasst. Sie wächst inzwischen weltweit sowohl auf sehr trockenen als auch feuchten (aber nicht staunassen) Äckern, z.B.  in Asien, in Süd- und in Mittelamerika. Am besten gedeiht sie zwischen dem 35° nördlichen und dem 30° südlichen Breitengrade. Zum Vergleich: Deutschland liegt auf den 48° – 53° Breitengraden, Sizilien auf dem 37°ten.

Während die Indios der neuen Welt Wert auf große Samen legten, wuchsen durch die Inkulturnahme der Altweltbohnen ihre Hülsen extrem in die Länge. Das Ergebnis sind heute Sorten mit Hülsen von bis zu 90 cm Länge, so dass der englische Name "Yardlong Bean" oder der Französische "haricot kilomètre" fast nicht übertrieben sind.

Diese phantastischen Bohnen waren in der klassischen Antike den Ägyptern, den Griechen als auch den Römern wohl bekannt! Und vom makedonischen Alexander dem Großen wird berichtet, dass er während seiner Feldzüge zu ihrer Verbreitung beitrug (300 v. Chr.) X) .

Aus dem klimatisch begünstigten Mittelmeerraum sind sie erst im 16. Jahrhundert durch die robusteren Neuweltbohnen verdrängt worden, die ja auch diesseits der Alpen in unseren Gärten gedeihen können.

Umgekehrt konnten die Vignia-Bohnen in der neuen Welt Fuß fassen. Ob die Kuhbohnen dabei von den versklavten Afrikanern selbst geschmuggelt oder von ihren Peinigern bei der Überfahrt als billige "Schlabbersauce" X) serviert wurden, ist nicht genau belegt. Belegt hingegen ist, dass Kuhbohnen seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert X)  von Jamaica aus in ganz Amerika bekannt und geschätzt wurden.

Seit langem sind die frittierten Augenbohnen-Bällchen zum nationalen Straßenfood "Acarajé" in Brasilien avanciert. Und in vielen Südstaaten-Familien ist es üblich Augenbohnen, Blattkohlgemüse mit Maisbrot (Black-eyed peas, collard greens und cornbread) am Neujahrstag als geldbringendes Glücksmenü zu verspeisen. Dieser Brauch geht angeblich auf ein Ereignis während des amerikanischen Bürgerkrieges zurück: Die (südstaatlichen) Konföderierten-Truppen entgingen bei einer Belagerung dem Hungertod, weil die gegnerischen Unions-Truppen ihnen alle Vorräte mit Ausnahme der Bohnensäcke raubten. Nach Ansicht der (nordstaatlichen) Unions-Truppen handelte es sich bei diesen Bohnen um die Armen-(Sklaven-)speise  X) X). Die Kuhbohnen waren es also ihrer Ansicht nach nicht wert oder sie rührten sie nicht an, weil die Union ja gegen die Sklaverei war.

Eine weitere Version besagt, dass genau am 1. Januar 1863, als die Sklavenhaltung endgültig verboten wurde, die ehemaligen Sklaven nichts anderes, als eben noch ein paar Augenbohnen hatten, um ihre Befreiung zu feiern. Zum Gedenken gibt es bei ihre Nachkommen an jedem Neujahrstag Kuhbohnengerichte.

Bohnen allgemein werden in weiten Teilen der Welt bis heute als Armenfrucht betrachtet, weil sie hauptsächlich von Menschen, die sich kein Fleisch leisten können, als Eiweißquelle verspeist werden.

In manchen Gegenden machen sich verzweifelte und hungernde Bauern noch für 1kg/100m2 X) die Mühe Augenbohnen anzubauen. Global betrachtet, werden die Erträge nicht nur durch verarmte Böden und altmodische Anbaupraktiken, sondern auch durch zwei Schädlinge geschmälert: Marcuca vitrata und Callosobruchus maculatus.

Wie andere Bohnen, wurden und werden die Kuhbohnen mit Gräsern in Mischanbau oder Fruchtfolge angebaut. Die klassische Kombination der Vignias ist die mit der Rohrkolbenhirse oder der Perlhirse von der es hübsche Ziersorten gibt, z.B.  'Purple Majesty' Pennisetum glaucum (=Cenchrus americanu).

Alter Aberglaube und alt überlieferte Feste:

In der ganzen Welt symbolisieren Bohnen jeglicher Art Fruchtbarkeit, Glück und Geldsegen. Bei vielen Ernte-Dank-Festen sind Speisen mit Bohnen üblich, so auch beim jüdischen Neujahrsfest X), auf welches der Aramäische Rat Bezug nimmt.

 Aramäischer Rat aus dem Talmud (Keritot 6a) lautet: "Now that you have said that a sign is a substantial matter, a person should be accustomed to eat, at the start of the year, gourd, cowpea, leeks, beets and dates, as each of these grow and multiply quickly, which is good omen for the deeds of the upcoming year. (Je nach Übersetzung auch Bockshornklee, statt Augenbohne)

Die ägyptischen Priester, die die "hodenförmigen" (siehe auch Altweltbohnen) Vignia-Bohnensamen kultisch verehrten, durften das ganze Jahr, außer zur Ernte, im August (in ihrem Erntemonat "Mesore" X)) Kuhbohnen essen. Auch die griechischen Pythagoreer, scheinen diesen Brauch gekannt zu haben: sie glaubten einerseits, dass die Seelen der Verstorbenen in den Samen eine neue Heimstatt fänden und anderseits verabscheuten sie Bohnenmahlzeiten, weil sie die "Winde" förderten, und damit angeblich die Denkfähigkeit beeinträchtigte X).

In China findet seit dem 7. Jahrhundert ebenfalls im August eine Art Ernte-Dank-Fest statt: Es heißt Mondfest und ist der Göttin Chang'e geweiht. An diesem Fest werden die traditionellen Mondkuchen in typischen, mondrunden Holzmodeln gebacken. Sie bestehen aus Vignia-Bohnenmehl, Reismehl und sind oft mit weißem Zuckerguss verziert. Mondkuchenrezepte findet man bei Interesse dutzende im Internet.

Ebenfalls aus China kommt folgende Geschichte:

Dass man Mungbohnen (Vignia radiata) gekeimt essen kann, wurde angeblich von chinesischen Entdeckern oder Händlern, die entlang der asiatischen Flüsse gen Westen fuhren erkannt. Einst erlitten sie durch ein fürchterliches Unwetter Schiffbruch. Sie hatten fast keine Nahrungsmittelvorräte mehr an Bord: einzig ein paar Säcke Mungbohnen, die zu allem Unglück auch noch nass geworden waren. Drei Tage und drei Nächte glaubten die Schiffbrüchigen schon, sie müssten jetzt den Hungertod sterben. Da tat es plötzlich einen Knall unter Deck. Sie sahen nach, was denn passiert war: Alle Bohnensäcke waren explodiert und aus ihrem Inneren quollen leckere, gesunde Keimlinge, die wir heute "Sojasprossen" nennen X) .

Kuhbohnen und Gentechnik

Kuhbohnen, können ein Gift synthetisieren, welches einen ähnlichen Wirkungsmechanismus, wie das des "berühmten" Bacillus thuringiensis hat. Mit diesem verteidigt sie sich gegen Läuse, die wiederum Vektoren, also Überträger, des Kuhbohnenmosaikvirus sind.

So eine Eigenschaft interessiert Gentechniker natürlich. Man könnte sie, ihrer Ansicht nach, ja gewinnbringend in weitere Pflanzen einbauen. Das Internationale Institut für tropische Landwirtschaft (International Institute of Tropical Agriculture) forscht dazu.

Von welchen Bohnenarten das Genom entschlüsselt ist und welche genetischen Gemeinsamkeiten Arten haben, kann jedermann auf den Seiten des "Legume Information System" selbst nachsehenX) .

Vigna-Bohnen in der Heilkunde

Vignia-Bohnen werden in den ältesten chinesischen Arzneimittelbüchern (z.B. Sheng Nong) erwähnt. Nach der chinesischen Heilkunde wirken Mungbohnen kühlend und sind deswegen für leichte Sommersuppen geeignet (LEUNG, 1998). Bei Mumps und Verbrennungen sollen Wickel mit Bohnenmehl Linderung verschaffen.

Vignias wirken cholesterinsenkend und schützen somit vor Arteriosklerose. Darüber hinaus soll das Vignia-Bohnenmehl gegen vielerlei Vergiftungen helfen, egal ob durch Alkohol, durch Blei oder Pestizide verursacht.

Auch die westafrikanischen Völker (Bantu) verwenden Vignia-Bohnen medizinisch und schamanistisch X).

Während des Keimvorgangs bilden Vignia-Bohnen, wie auch Linsen und Erbsen Vitamin B12. Dieses Vitamin ist bei veganer Ernährung nur über diesem Wege zu bekommen, zumindest wenn man keine Tabletten schlucken möchte. Zur richtigen Zeit (ca. nach 4 Tagen) geerntet kann man damit 1,6mg/100g Sprossen zu sich nehmen.

Von den essentiellen Aminosäuren kommen folgende in den Kuhbohnen vor: Isoleucin, Leucin, Methionin, Phenylalanin, Threonin, Tryptophan und Valin.

Dem Eiweiß Unguilin wird neben der antymykotischen Wirkung sogar nachgesagt, dass dieses Eiweiß Infektionen mit dem HIV Virus erschweren würdeX).

Kuhbohnen enthalten im direkten Vergleich mit Gartenbohnen weniger Ungesundes sie sind z.B. frei von Phasin und können deswegen roh verzehrt werden.

Allerdings enthalten sie Phytinsäure (diese kann im Darm die Aufnahme von Mineralstoffen behindern) und Trypsin-Inhibitoren, welche aber durch Erhitzen kaputtgehen.

Erfahrungen aus erster Hand aus Coras Garten

Das erste Mal kam ich mit während meiner Lehrzeit mit, wie ich sie intuitiv nannte "Halbmeterbohnen", also Kuhbohnen der Gruppe Sesquipedalis, in Berührung

Die wärmeliebenden Pflanzen wurden durch einen Folientunnel geschützt und bildete massenhaft 60 – 80 cm lange, nicht strohig werdende, wunderschön über das Laub hängende Bohnenhülsen aus. Der Anbauversuch wurde 1991 aber nicht fortgeführt.

Das nächste Mal begegneten mir Mungbohnen in Form von frittierten, süßen Konfekt. Das war in Sri Lanka wo ich auf dem Land eingeladen war.

Die im Chinarestaurant verzehrten "Sojasprossen" wusste ich damals noch nicht richtig, d.h. zur Gattung Vignia einzuordnen.

2020 habe ich mir ettliche Sorten im Internet besorgt und werde selbst mit Freunden einen Anbauversuch wagen.

Saatgutgewinnung ganz praktisch - Ernte von Hand

Zur Samenreife zeigen die Hülsen einen Farbumschlag, d.h. vorher grüne, gepunktete oder
lila Hülsen werden braun. Falls die Gefahr besteht, dass die Früchte nicht an der Pflanze
ausreifen, dann kann man die kompletten Pflanzen ausreißen und sie auf dem Dachboden
wie Kräuter zum Nachtrocknen aufhängen.
Die Hülsen springen bei leichtester Berührung auf! Ggf. Tuch unterlegen.
Der Klang trockener Bohnen ist anders als der von noch zu feuchten.
Bohnen können, wenn ganz trocken eingefroren werden. Dies tötet auch etwaige
Bohnenkäfer.
Tausendkorngewicht: 100 – 250 g (sehr gering im Vergleich zu Phaseolus vulgaris: TKG
250 – 550 g)

Anbautipps für Gärtner und Köche

Keimsprossen von Mungbohnen (Green Gram) "Sojasprossen" davor Samen zwölf bis 18 Stunden in 22 – 25°C warmen Wasser einweichen, direkt im Glas, nicht auf Vlies (Sprossen bilde besonders viel Vitamin C): 2 – 3 x tägl. Spülen. Bei 18°C und gespannter Luft nach 3 Tage erntefähig. Keimung macht Bohnensamen (alle) ungiftig!!

  • Am besten wächst sie geschützt im Gewächshaus! Oder man pflanzt im Container auf heißen Südbalkonen
  • Pflanzung nicht vor Ende Mai! Harrington (2009) schreibt: "…all thought of frost a dim memory."
  • Mungbohnensorten mit kurzer Kulturdauer haben eine Chance im Weinbauklima (90 – 100 Tage).
  • Wenn es Sorten gibt, die im nördlichen Japan wachsen, dann haben die ebenfalls eine Chance bei uns.
  • Niederländische Gärtner haben auf Tagneutralität selektiert.
  • Die Vignia wächst auch auf schlecht, bzw. nicht gedüngten Böden als Subsistenzfrucht.
  • Zink- und Molybdänmangel sind häufig. Beides pH-Abhängige Mängel.
  • Typische Mischkulturpartner sind Yams, Taro und Süßkartoffeln aber auch Sorghum und Perlhirse (von dieser gibt es Ziersorten).
  • Die Gemüseernte von Kuhbohnen beginnt erst, wenn die Tage wieder deutlich kürzer werden. Im Gewächshaus ist die Hülsenernte teils nach 50 – 100 Tagen nach Ausaat möglich.
  • Stilechte Kletterhilfe: Bambus („kennen“ die Kuhbohnen aus Südostasien).
  • Manche Sorten blühen nicht in Regenphasen und sind anfällig für echten Mehltau und andere Pilze
  • Kann Mosaikviren bekommen, dieser scheint aber auf die Art angepasst zu sein, d.h. er wird nicht von Tabak oder Gurken übertragen.
  • Kuhbohnen werfen die Blüten bei Hitze nicht ab!
  • Asiatische Herkünfte brauchen mehr Wasser als afrikanische Herkünfte.
  • Während der Blüte und der Hülsenentwicklung haben sie allgemein einen hohen Wasserbedarf. Trotzdem dürfen die Wurzeln nicht permanent nass sein (etwa durch Dauerregen).
  • Falls wirklich mal rote Spinnen plagen sollten, hilft gießen.
  • Junge Hülsen sind roh essbar, egal wie lang sie sind (Ernte unreif).
  • Beim Kochen werden die Hülsen schneller gar als die von Altweltbohnen. Die Hülsen sind delikater, d.h. sie werden nicht strohig. Auch die Blätter und die jungen Triebe sind als Gemüse essbar.

Tipps für Erhalter

  • Vegetative Vermehrung für Laien aus Stecklingen möglich (kriechende Arten können an Nodien Wurzeln bilden). Auch mit Schnitten aus Keimblättern und anschließender Kultur auf sterilem Nährmedium ist die vegetative Vermehrung bei entsprechender Laborausstattung möglich.
  • Kreuzungen durch Insekten sind beschrieben, aber sehr selten.
  • Bei Handbefruchtung müssen die ausgesuchten Blüten am Vortag, also als Knospe entmannt werden, um die Selbstbestäubung sicher zu verhindern.
  • Die Staubblätter sind bereits 7 bis 8 Stunden vor der Blütenöffnung befruchtungsfähig, also bereits nachts (wenn es jemand mit Handbefruchtung probieren möchte, muss er sehr früh aufstehen!) Der geerntete Pollen bleibt bei Raumtemperatur bis 24 Stunden lebensfähig.
  • Die Blüte schließt bereits mittags, bzw. fällt nach Befruchtung ab.
  • Selektion für Zweinutzungspflanze stand immer im Vordergrund, d.h. für die menschliche und die tierische Ernährung.

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