Domestikations- und Kulturgeschichte

Selleriedolde mit reifenden Samen

In meinem Lehrbetrieb gab es einen Gärtner und eingeschworenen Junggesellen. Dieser machte um den Sellerie immer einen großen Bogen, da er fest überzeugt war, dass Sellerie aphrodisisch wirke und er Junggeselle bleiben wollte! Diese angebliche Wirkung wird seit dem Mittelalter insbesondere in der Volks- und indischen Ayurvedamedizin weitergetragen. In der TCM wird Sellerie gegen Impotenz verschrieben, da es Leber-Chi-Stagnationen und feuchte Hitze in der Blase klärt und tonisierend wirkt, das bedeutet, dass es das Nieren Chi stärkt Ploberger (2007). Als Aphrodisiakum kann Sellerie auf diese Weise sicherlich am Anfang eines Lebens, zur Zeugung beitragen.

Die Ägypter hingegen sahen Sellerie in Verbindung mit dem Ende des Lebens. Denn er war bei ihnen kein Aphrodisiakum, sondern unentbehrliche Zutat der Totenspeise, bzw. wurde wie ein Amulett den Toten umgehängt.

Die Griechen veranstalteten verschiedene Wettkämpfe bei denen der Sieger je nach Stadt mit einer anderen Pflanze bekränzt wurde. Olympia verlieh einen Olivenkranz, Delphi einen Lorbeerkranz und in Nemea bestand der Kranz aus Sellerie. Kränze wurden von den Griechen aber auch während ihrer Saufgelage (Symposien!!!) getragen. In einer Berliner Ausstellung wurden im Jahr 2002 Exponate gezeigt, die dies belegen: Warum Sokrates gerade Sellerie und Majoran trug, wissen wir nicht, aber vielleicht wollte er sich vom wohlduftenden aber langweiligen Publikum abheben.

Heute darf Sellerie in keinem Suppengemüsebund fehlen (Sellerie, Pastinak, "Wurzelpeterle", Lauch). Auch gefriergetrocknet steht er auf der Zutatenliste vieler Brühwürfel. Und damit zeigt er wieder seine Beziehung zum lösenden Element (Brüh- Wasser). Wer weiß, ob sich das demnächst ändert, denn seit kurzem steht er auf der EU-weiten Liste der Lebensmittelinformationsverordnung und muss als Allergen deklariert werden! (Lebensmittelinformations-VO / VO (EU) Nr. 1169/2011). Denn wie alle Doldenblütler besitzt auch Sellerie ein wenig phototoxisch wirkende Furancumarine (aus der Stoffgruppe der Phytoalexine). Die Hefe ist als Allergen bereits aus vielen Brühen verbannt worden.

Erfahrungen aus erster Hand aus Coras Garten

 

Saatgutgewinnung ganz praktisch

Samen über einer Schüssel abstreifen

Nichts einfacher zu gewinnen als Selleriesamen. Diesen streift man einfach nur ab. Dazu nimmt man den samentragenden Stängel zwischen Zeige- und Mittelfinger, die Handfläche zur Dolde (bzw. zum Himmel) gewandt. Samen lassen sich nur bei wirklicher Reife einfach abstreifen. Diese erkennt man daran, dass sie hellbraun bis dunkelbraun sind und dass der Stängel unterhalb der Dolde vertrocknet ist. Wer zu lange wartet, der erntet weniger! Es macht Sinn zuerst die königlichen Mitteldolden (sind zuerst reif und haben die beste Qualität) abzustreifen und die Seitenzweige noch etwas ausreifen zu lassen. Je nach Wetter, schaut man alle Woche mal nach, ob neue Samen erntereif sind.

 

Anbautipps für Gärtner und Köche

  •  Sellerie liebt lehmige feuchte Böden, die viel Humus enthalten (Auenschwemmland).

  • Organische Masse kann auch über Kompost zugeführt werden.

  • Selleriepflanzen dürfen nicht zu tief gesetzt werden, d.h. das Hypokotyl muss über der Erde sein, sie müssen flattern können.

  • Bleichen kann man, muss man aber nicht. Methoden dazu: Zusammenbinden oder Anhäufeln oder Selbstbleichende, da hellgrüne und dicht bestängelte Sorten wählen.

  • Knollensellerie muss geerntet werden, bevor das Herz abgefroren ist! D.h. solange die Erde noch offen ist.

  • Die Pflanzen wurzeln tief mittels einer Pfahlwurzel. Pikieren stört diese Pfahlwurzel, ist aber der Bildung einer Knolle förderlich.

  • Das Kraut von Knollensellerie ist in Suppen als Gewürz mitkochbar.

  • Stickstoffbetonte Kopfdüngungen fördern die Frostempfindlichkeit und die Lagerfähigkeit.

  • Kopfdüngung mit kaliumhaltigem Dünger steigert die Knollenqualität.

  • Kalkung sollte im Vorjahr stattgefunden haben.

  • Trockene Sommer fördern Bormangel, welcher Herzbräune, d.h. das Absterben des Vegetationskegels bewirken.

  • Keimt schneller in 20°C feuchtem Sand. Dann bereits pikieren, wenn die Keimwürzelchen gerade zu erkennen sind (2mm).

  • Wenn die Jungpflanze vor dem Auspflanzen ins Freiland mit trockenen Wurzelballen abhärtet (also in dieser Zeit das Gießen lässt), dann schießt sie später nicht so leicht.

  • Je kräftiger die Jungpflanzen sind, desto besser werden auch die Knollen, sie sollten 5 – 10 Blätter haben.

  • Pflanzen brauchen Wasser, Wasser und nochmal Wasser.

  • Pflanzen lassen sich juvenil überwintern, sind da recht kältetolerant. Ausgewachsen sterben sie bei -2 bis -7°C ab.

  • Pflanztopfgröße 10er oder in Beet 10 x 10 cm (pikieren und Wurzeln stutzen bei Knollen förderlich!)

  • Ob es hinsichtlich Lagerfähigkeit besser ist, das Blatt abzuschneiden oder abzudrehen, muss man selbst herausfinden. Beim Abdrehen kann das Herz (=Vegetationskegel) zu stark mitbeschädigt werden.

  • Stallmistdüngung ja, dann aber im Vorjahr ausbringen, wie den Kalk (aber nicht zusammen!)

  • Bei Direktsaat versucht selbst Knollensellerie noch eine Art Pfahlwurzel auszubilden. Das bedeutet, das die Knolle auch ein Ergebnis der Kulturmethode ist.

  • Die Anzuchtdauer in geschützter Umgebung dauert sehr lang mit ca. 2 Monaten.

  • Kopfdüngung mit Jauche höchstens bis Juli ausbringen.

  • Wer dicke Knollen ernten will, der sollte auf Laubernte nebenbei verzichten.

Tipps für Erhalter

  • Beim Auspflanzen im 2. Jahr setzt man die Knollen verhältnismäßig tief, damit sie besser gestützt sind.

  • Die Vernalisation dauert bei 10°C sortenabhängig ein bis drei Monate. Bei unter 9°C verläuft sie wesentlich schneller. Vogel schreibt, dass sie bei 5 – 8°C nur 3 Wochen dauert und dass der Kältereiz über die Laubblätter empfunden wird.

  • Zur Saatgutentwicklung düngt man im 2. Jahr nochmal mit Phosphat und Kali (möglichst mit natürlichen Düngern).

  • Damit Knollensellerie nicht vorzeitig schießt benötigt er gleichmäßige Anzuchttemperaturen, die nicht unter 15°C sinken sollten.

  • In schneereichen Wintern, wenn die Erde nicht zufriert, können Knollen sogar hin und wieder mal auf dem Feld durchkommen (selbst gesehen in Plankstetten).

  • Die selbstbleichenden Stangensellerie-Sorten haben ein hohes Verhältnis von Parenchym zu vasculären Bündeln, die Zellschicht und die vaskulären Bündel macht sie so knackig.

  • Die Blattfleckenkrankheit Septoria apicola ist samenbürtig. Wenn sie auftritt, sollten geerntete Samen heizwassergebeizt werden.
  • Stängelälchen namens Ditylechus dipsacii stehen auf Stangensellerie.

  • Für die Lagerung von Knollen sollten letztere nicht so stark geputzt werden. Mit dem Bürste entstehen Verletzungen, durch die Pathogene eindringen können.

  • Wenn Sellerie auf dem Feld überwintern soll, dann sehr gut schützen (evtl. macht ihm nass-kalte Witterung den Garaus).

  • Ob weiß oder schwarzkochend hat etwas mit Oxidation, nicht jedoch Geschmack zu tun. Ist also nur ein Schönheitsfehler, der durch Essig im Kochsud behoben werden kann.

  • Die optimale Saatgutreife ist erreicht, wenn die Doppelachäne von allein auseinanderfällt.

  • Die Vernalisation gelingt erst bei Pflanzen mit 6 – 8 Blättern, kleiner sind sie unempfindlich.

  • Überwinterungsfähig sind Knollen idealerweise apfelgroß.

  • Eliteeltern ernten: mehrfach die Dolden schneiden, immer wenn reif.

  • Wenn man wartet, bis 2/3 reif sind, dann erntet man teilweise unreife und ein kleiner Teil ist dann auch schon ausgefallen.

  • Das Herz (=Vegetationskegel) soll während der Überwinterung aus dem Sand/Sägespänen herausschauen.

  • Vogel behauptet, dass eine voreilige Blüte im ersten Jahr immer genetisch bedingt sei.

  • Wenn der April wie in 2018 schon extrem warm ist, können ausgepflanzte Selleries auch wieder devernalisieren.

  • Die beste Temperatur für optimale Befruchtung liegt bei 18 – 27°C.

 

>> Zurück zur Familie Doldenblütengewächse