Domestikations- und Kulturgeschichte

Feldsalat hat seinen Ursprung -seine genetische Vielfaltszone- im klimatisch gemäßigten Europa. Er ist so gut an unser Klima angepasst, dass er wahrscheinlich schon immer diesseits der Alpen zu Hause war.

Feldsalat besitzt die jüngsten Domestikationsgeschichten aller Gemüsearten und das, obwohl er, wie es scheint, schon immer die Nähe der Menschen, bzw. ihrer Stoppeläcker "gesucht" hat.

In seinem Artikel "Der Getreideanbau als Quelle vieler Nutzpflanzen" weist FLÜGEL (2020) nach, dass etliche andere Nutzpflanzen über den Weg des Getreideunkrauts in unseren Züchtungsfokus geraten sind. Nach KNÖRZER, BECKER (in KOSCHLIK, 1999) wurden sowohl Valerianella locusta als auch Valerianella rimosa seit der älteren Eisenzeit im Rheinland gesammelt und seit der Römerzeit, also um die Zeitenwende, auch mehr oder weniger "angebaut": wahrscheinlicher wohl bewusst auf den abgeernteten Feldern wachsen gelassen.

Woher weiß man sowas überhaupt? Archäobotaniker interessieren sich nicht nur für Speisereste (insb. Stärkekörner, Phytolite) und ausgegrabene, oft verkohlte Saatgutvorräte, sondern sie schauen sich auch gefundene Samen hinsichtlich der Unterschiede zur wilden Art genauer an. Die Unterschiede liegen oft in der Größe aber auch in der Dicke der Samenschale. Dünne Samenschalen deuten auf einen begonnen Domestikationsprozess hin, denn solche Samen keimen einfacher und das bevorzugt der Bauer. Selbst die Synchronisation des Wachstums- und Entwicklungszyklus mit dem Ernterhythmus im Getreidebau deutet auf eine Domestikation hin. Bis ins 20. Jahrhundert war es üblich Feldsalat kurz vor oder mit der Getreideernte auszusäen (KRUG, 1995).

Eine ganz bewusste Auslese fand aber erst durch französische Züchter zu Beginn des 20. Jahrhunderts statt. Vor 100 Jahren waren in  Deutschland noch keine Sorten bekannt und bis heute hat Frankreich die meisten Feldsalatsorten registriert (UPOV X). Nicht nur das, denn Frankreich baut auch den meisten Feldsalat an und exportiert diesen sogar nach Deutschland. Unsere eigenen Anbaugebiete im Rheinland, in Bayern und in Schwaben reichen nicht aus um unsere "Grüngelüste" im Winter zu decken.

Wilde Feldsalatarten sind durch moderne Bewirtschaftungsmethoden, Unkrautvernichtungsmittel und durch Kulturen mit für den Feldsalat ungünstigen Erntezeitpunkten, wie etwa Mais, am Naturstandort kaum noch anzutreffen. Hin und wieder findet man Exemplare in Straßengräben und aus den Beeten "ausgebüxte" Pflanzen unter Ligusterhecken. Insgesamt kann man behaupten, dass Feldsalat deswegen überlebt hat, weil er den Weg in unsere Gärten geschafft hat.

Feldsalat in der Heilkunde

Für MACHATSCHECK (2004) gehört Feldsalat zum Kinderbrot, damit meint er essbare Pflanzen, die auf dem Schulweg vernascht wurden.

Obwohl von der Antike bis zum Mittelalter nicht wirklich zwischen Heil- und Küchenpflanzen, also zwischen Kräutern und Gemüse unterschieden wurde, sucht man in den Kräuterbüchern des 16. und 17. Jahrhunderts den Feldsalat vergebens. Vielleicht war er wirklich zu gewöhnlich, so dass man nie auf die Idee kam, ihn den Pflanzenabhandlungen dieser Zeit hinzuzufügen.

Desto interessanter ist es, dass das Landvolk sehr wohl die heilsamen Kräfte nutzte:

Rapunzel geht auf ein mindestens 200 Jahre älteres Märchen zurück "Petrosinella". Hier ist es die gleichfalls eisenreiche Petersilie, die die Heißhungerattacken der Schwangeren stillt.

In dem Märchen Rapunzel, welches die Gebrüder Grimm X) 1812 veröffentlichten, gelüstet es der werdenden Mutter besonders nach Feldsalat. Kein Wunder, denn dieser enthält viel Eisen, das gerade in der Schwangerschaft wichtig ist.  Darüber hinaus bietet Feldsalat Eisen in einer optimal für uns verwertbaren Form an. Zusätzlich hat Feldsalat hohe Gehalte an Carotin und Vitamin C, doppelt so viel wie beispielsweise in Kopfsalat. So verwundert es nicht, dass Feldsalat einst zu den Skorbut verhütenden Pflanzen gehörte (SCHNEIDER, 1970) , wie auch das Scharbockskraut, welches giftig wirkt, wenn zu viel davon verzehrt wird.

Gemüse und Kräuter enthalten zwischen zwischen 0,2 und 2,5 Prozent Fette. Wildpflanzen, wie z. B. der Löwenzahn oder die Brennnessel, enthalten 0,6 Prozent Fett. Pro 100 Gramm sind das also 600 mg. Der Omega-3-Anteil liegt bei 250 mg, der Omega-6-Anteil bei 80 mg!

Noch ein Wunderstoff steckt in 100g grünen Blättern des Feldsalats: und zwar 140 mg Omega-3 Fettsäure. Und diese steht noch im optimalen Verhältnis von eins zu drei zur nicht ganz so vorteilhaften Omega-6 Fettsäure.

Zwar enthalten Gemüse und Kräuter im Allgemeinen nur geringste Mengen an Fett, aber das optimale Verhältnis macht Feldsalat zum echten Jungborn.

Herausragend ist die Gartenkresse mit 600 mg Omega-3-Fettsäuren und einem Verhältnis von 1 : 3.

Im Vergleich zu ihm haben andere Blattsalate wie Lactuca-Salate ein Verhältnis von 1 : 2 (100 mg/100g Omega 3).

Wer also täglich 150 Gramm Blattsalate, Kräuter und Wildpflanzen zu sich nimmt oder im grünen Smoothie trinkt, kommt gut und gerne auf 370 mg Omega-3-Fettsäuren und meidet gleichzeitig die belastenden Omega-6-Fettsäuren.

Feldsalat ist somit rundum gesund und das nicht nur für Schwangere sondern auch für gestresste Menschen Oberbeil, Lentz (1996).

Erfahrungen aus erster Hand aus Coras Garten

Feldsalat scheint regelrecht "dankbar" zu sein, wenn er sich im Garten versamen darf. Dann taucht er freiwillig in den Staudenrabatten und sogar im Rasen auf. Allerdings muss man dann natürlich auch genügend Pflanzen blühen und fruchten lassen, um über Jahre Freude an den grünen Blättchen zu haben. Im Garten habe ich noch nie kranke Exemplare gesehen, mit denen die professionellen Gärtner häufig kämpfen müssen. Allerdings dränge ich die Pflanzen auch nicht in einen anderen Rhythmus, indem ich den Aussaatzeitpunkt manipuliere. Ich betreibe seit Jahren keinerlei Auslese. Und obwohl in der Nähe, im nächsten Straßengraben nahe verwandte, wilde Feldsalatarten wachsen, sieht mein ehemaliger 'Vit' jedes Jahr größer und kräftiger aus.

Saatgutgewinnung ganz praktisch

Man sollte nicht warten, bis das Feldsalatstroh komplett abgestorben und trocken ist, sondern es ausrupfen, wenn es beginnt zu vergilben, denn sonst sind die ersten Samen bereits ausgefallen. Die einzelnen Samen sind reif, wenn sie arttypisch hart sind. Um ein Gefühl dafür zu bekommen einfach mal ein paar Samenkörner zerbeißen! Die Ernte sollte nur bei trockenem Wetter erfolgen! Die gesamte halb-vertrocknete, halb-grüngelbe Pflanze wird ausgerissen und in einen Sack oder Kopfkissenbezug zum Trocknen aufgehängt. Mit dem Dreschen kann man bis in den Herbst warten, wenn man den Platz hat. Wenn die Pflanzen strohtrocken sind, dann schüttele ich das Kopfkissen kräftig und steige sogar mit einem Pantoffel vorsichtig darauf rum. Danach folgt Sieben und / oder schwingen bzw. windsichten. Erst durch den letzten Arbeitsschritt wird das Saatgut frei von Staub, Spelzen und allem was sich nicht aussieben lässt.

Anbautipps für Gärtner und Köche

  • Feldsalat steht in 3. Tracht als eines der wenigen Gemüse, die quasi ganz ohne Dünger auskommen. Mit Kunstdünger versalzte Böden bekommen ihm gar nicht.
  • Eine Anbaumethode, die eine saubere Ernte erleichtert, besteht darin, den Samen in Breitsaat auszubringen und anschließend mit einer dicken Schicht groben Sandes abzusieben. Bei der Ernte kann man mit dem Messer den Wurzelhals (Hypokotyl) in der Sandschicht abschneiden und hat damit die sauberen Blätter in der Hand.
  • Wenn zu wenig Licht und zu viele Nährstoffe (Schneedecke, Folientunnel) vorhanden sind, dann kann Feldsalat Nitrat anreichern.
  • Er liebt lehmigen, kalkhaltigen Boden der nicht verschlämmt.
  • Feldsalat ist zwar ein Flachwurzler, kann aber bei geeignetem Boden bis zu 60 cm tief wurzeln
  • Das ist auch gut so, denn nicht nur zur Keimung braucht er gleichmäßig Feuchtigkeit sonst läuft er lückig auf und schießt durch Trockenheitsstress vorzeitig.
  • Bei Sommeranbau muss regelmäßig bewässert werden, allein schon zur Abkühlung
  • Im geschützten Anbau wird Feldsalat anfällig für Phoma, echten und falschen Mehltau, Pythium-Wurzelfäule, und Grauschimmel.
  • Feldsalat wächst besser, wenn ihm der Wind um die "Nase" weht, d.h. im Umkehrschluss, bei Anbau im Glashaus bzw. unter Folie muss besonders gut gelüftet werden.
  • Auch deutliche Nachttemperaturabsenkung im Gewächshaus fördern die Vitalität (auf 5°C).
  • Feldsalat ist so genügsam, dass er sogar unter Schnee weiterwachsen kann (4°C), allerdings sollten durchgefrorene Pflanzen nicht geerntet werden!
  • Kahlfröste fördern ein Auswintern.
  • Feldsalat und Kartoffeln können an Rhizoctonia, erkranken. D.h. wenn das der Fall ist, dann sind zwischen diesen Feldfrüchten mind. dreijährige Anbaupausen einzuhalten
  • Ansonsten kann er gut mit Wintergemüsen in Mischkultur angebaut werden, dabei sind die nicht kopfbildenden Arten, wie Lauch besser geeignet als Kohle.
  • Im Kühlschrank, in ein feuchtes Tuch eingewickelt, hält Feldsalat gut eine Woche. Erntefrisch gegessen ist er natürlich am vitaminreichsten.

Tipps für Erhalter

  • Feldsalatsaatgut muss nachreifen, frisches Saatgut keimt noch nicht. Damit stellt die Pflanze sicher, dass sie nicht in einer Kaltperiode mitten im Sommer aufgeht. Die besten Keimraten erhält man mit Saatgut, welches bereits ein Jahr alt ist.
  • Allgemein keimt Feldsalat bei sehr niedrigen Temperaturen (ab 5°C). Über 20°C tritt Keimruhe ein.
  • Die gefürchtete Löffelblättrigkeit wird u.a. von zu hoher Keimtemperatur beeinflusst. Bei "frei" wachsendem Feldsalat aus Ausfallsaatgut kennt man dieses Problem nicht.
  • Professionelle Feldsalatbestände wachsen auf unkrautfreiem Boden, denn bei der Ernte soll der Fremdbesatz so gering als möglich gehalten werden
  • Feldsalat ist ab dem zweiten Laubblatt vernalisationsempfänglich. Unter 14°C funktioniert die Vernalisation.
  • Nach erfolgter Vernalisation beginnt er im März mit dem Schossen (selten im Herbst: nur, wenn zu früh gesät)
  • Ob Feldsalat wirklich ein strenger Selbstbefruchter ist, wage ich zu bezweifeln, da Cough (2011) alternierenden Einsatz von Käfigen beim Anbau mehrerer Sorten empfiehlt.
  • Die professionelle Züchtung setzt auf die Methode der Massenselektion.
  • Je nach den Witterungsbedingungen spielen falscher Mehltau und Phomapilze eine Rolle, beide Pilze verschlechtern auch die Saatgutqualität.
  • Bei Feldsalat sollte man nicht gleichzeitig Salatblättchen pflücken und noch Samen ernten wollen. Denn auch wenn der Vegetationskegel beim Schnitt erhalten bleibt, schwächt man die Pflanzen extrem. Das Probieren einzelner Blätter ist hingegen erlaubt.

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