Kulturdatenblatt

Typen und Sortenkunde

Ökologie

Gartenrettich bietet Insekten ein reiches Nektarangebot, jedoch mäßig Pollen.

Raphanus sativus kümmert sich wenig um Tageslängen. Es richtet sein vegetatives und generatives Treiben an der Lichtqualität aus. Genau gesagt, steuert die Pflanze, indem sie den Anteil an roter und violetter Strahlung beurteilt. Wahrscheinlich ist das bei anderen Pflanzen ähnlich, nur an denen ist es noch nicht wissenschaftlich bewiesen worden.

Weitere Namen

Raphanos ist griechisch und bedeutet einfach "der Gezogene" im Sinne von Angebaut. Während Radix lateinisch ist und Wurzel bedeutet.

Rettich wird im Süddeutschen Radi genannt. Radieschen heißen in Bayern und Österreich Radies. Die Betonung liegt bei diesem Wort auf der ersten Silbe.

"Daikon" heißt einfach nur Rettich auf Japanisch., auch wenn es hierzulande oft als Synonym für orientalische Hybridrettiche benutzt wird.

"Mooli" ist das indische Wort für Rettich und "Mougri" ist das indische Wort für Rattenschwanzschoten, die u.a. auch von Mooli-Sorten geerntet werden können!

Vorfahren und nahe Verwandte

In China leben wilde Vorfahren von Raphanus sativus.

Raphanus raphanistrum mit seinen Unterarten Ackerrettich, Strandrettich und Schnabelrettich wird ebenfalls von einigen Autoren als Vorfahr vermutet. Das konnte allerdings bis heute nicht wirklich bewiesen werden.

Kreuzungsmöglichkeiten

Alle zu Raphanus sativus gehörenden Varianten oder Unterarten können sich miteinander kreuzen, sofern sie gleichzeitig blühen. Gemäß WEAVER(1997) neigen die indischen Rattenschwanzrettich besonders zum Fremdzugehen.

Es gibt Berichte, wobei sich Raphanus raphanistrum, der Ackerrettich mit seinen Varianten oder Unterarten, mit den Gartenrettichen kreuzen kann. Im "Qualitätsstandard für die ARCHE NOAH Saatgutvermehrung für Radieschen" wird das beispielsweise behauptet. Andere Autoren gehen von zwei biologisch völlig getrennten Arten aus .

Wie ist es mit der Sortenvielfalt 2023 bestellt?

Der im Januar 2022 erfolgte Abruf des EUPVP - Common Catalogue Information System ergab 397 registrierte Sorten (Rettich und Radies zusammengewürfelt inkl. Doppelungen aus versch. Ländern).

KRUG (1991) spricht allerdings davon, dass es vor 30 Jahren in den traditionellen Anbaugebieten, noch üblich war die eigene Hofsorte (betriebseigene Sorte) zu vermehren. Wo sind die heute?

KRUG (1991) über Radies: "Bei der Knollenfarbe überwiegen rote Sorten. Seltener sind Sorten mit weißen, gelbbraunen, rosafarbenen und purpurnen sowie roten Knollen mit weißen Spitzen."

Laaber (2014) über das Radies: "Der deutsche Markt verlangt runde, leuchtend rote Sorten mit stabilem, dunklem Laub." Da frag ich mich, oder der deutsche Markt den Verbraucher gefragt hat!

Sorten vor 100 bis vor 150 Jahren
  • LUCAS (1846) zählt die Farben von verschiedenen Radies auf: weiß, rosenroth, dunkelroth, gelb, violett, rund oder oval bis lang z.B. 'Scharlachrothe runde Treibradies'; 'Hochgelbe englische'

  • LANGE (1912): 'Weißer runder Frühlingsrettich'; 'Gelber runder Wiener Mairettich'; 'Ovaler gelber Wiener'; 'Die gewöhnlichen runden schwarzen oder weißen Sommerrettiche'; Weißer runder Delkateßrettich'; 'Salvatorrettich weiß'; 'Ovaler schwarzer japanischer'; 'rosenrote chinesische'; 'Münchener lerchenfarbiger halblanger'; 'Weißer japanischer Mikado'; 'Russischer weißer'; 'Erfurter schwarze und weiße Winterrettiche'; 'Rotgrauer Winterrettich'; 'Münchener Bierrettich, weiß rund'; 'Schwarzroter halblanger'; 'Pariser kohlschwarzer'

  • GROß (1918) Radieschen: 'Sara'; 'scharlachrotes Berliner'; 'scharlachrotes Erfurter 'Non plus ultra'; 'Triumph' scharlachrot-gestreift auf weißem Grund; 'Rubin'; 'Würzburger Riesen-Radies'; 'gelbes Wiener' und viele mehr;

  • GROß (1918) Rettiche: 'Gelber Wiener'; 'Weißer Bastard'; 'Weißer Delikateß'; 'chinesischer, rosenroter'; 'Münchner lerchenfarbiger, halblanger; 'Münchner Bierrettich'; 'Erfurter weißer und Erfurter schwarzer Rettich'

Sorten aus der Roten Liste 2023

'Benarys Reform'; 'Bobenheimer'; 'Fetzers Maindreieck'; 'Frühwunder'; 'Münchener Bier'; 'Münchener Treib'; 'Pfanns Quirinus'; 'Platter kohlschwarzer Winter'; 'Quick'; 'Remo'; 'Salvator'; 'Schifferstädter Mai'; 'Wagner Global'; 'Weißer langer Sommer'; 'Weißer langer Winter'; 'Züricher Markt'

Sorten für den Bioanbau 2022/2023 von FIBL empfohlen
  • Radies: 'Rudi'; 'Eiszapfen'; 'National'; 'Celesta' F1; 'Sunto' F1

  • Rettich: 'Zürcher Markt'; 'Osergruß rosa 2'; 'Daikon'; 'Runder schwarzer Winter'; 'House King' F1; 'April Cross' F1; 'Monowase Summercorss' F1; 'Oshin' F1; 'Langer schwarzer Winter'

Open-Source-Sorten
  • National keine;
  • International 'Purple Sunrise'
National angemeldete Erhalter- und Amateursorten 2022

'Angela'; 'Carotine'; 'Gesche'; 'Münchner Radi Valentin'; 'Purple Plum'; 'Rettmann'; 'Wintersonne'; 'Zürcher Markt'

Mitglieder Arche des Geschmacks

'Bamberger Rettich' (seit 2014)

Sorten mit komischen Namen
  • 'Salvator', da hört man den Starkbieranstich schon heraus

  • 'Moskauer Held'

  • 'Drachenzahn' und 'Nashorn'

  • 'French Breakefast 2', zum Frühstück gleich Schärflinge? Die Holländer kannten diese Sitte auch!

Sorten aus fremden Ländern für Jäger und Sammler
  • 'Pusa Chetki'; 'Pusa Desi'; 'Pusa Himani' (aus Indien)

  • 'Red Prince'; 'Pernot'; '18 Days'; 'French Breakfast'; 'Red and White Bombay' (aus Afrika)

  • 'Mexican Bartender' (aus Amerika)

  • 'Moriguchi' welcher ausschließlich aus der bis zu 1,20 Meter langen Wurzel seinen "Rettich" bildet, also komplett in der Erde steckt.

  • Blattnutzung, bzw. ganze Pflanze mit Würzelchen: 'Bisai'

Sorten mit besonderer Geschichte
  • 'Jaunpur Gigant' X);angeblich der größte Rettich der Welt, wird regelmäßig bis 10 kg (für Wettbewerbe gezogen auch mal 56kg) schwer und bis zu 1,50 lang! Es gibt ihn mindestens seit 1804.

  • Den echten 'Weichser Radi' aus Weichs bei Regensburg gibt es leider nicht mehr. Die Sorte ist ausgestorben. Weichs wird trotzdem noch "Rettichdorf" genannt, weil dort bis in die 60iger Jahre viel Gemüse und insbesondere Rettich gebaut wurde! Eine engagierte Erhalterin (Annegret) machte sich 2021 auf die Suche nach Saatgut und wurde weltweit nicht fündig!

  • 'Münchner Bier' ursprünglich von Karl und Walter Hild wäre fast mal komplett vom Markt genommen worden, ist aber zwischenzeitlich wieder von vielen Anbieten erhältlich. Im Europäischen Sortenkatalog wird sie als "aufgegebene" Sorte bezeichnet. Beim Bundessortenamt ist ihr Sortenschutz 2007 weggefallen X).

  • 'Riesen von Aspern' (Österreichisches Großes Radies)

  • 'Riesenbutter' (heißt auf Italienisch 'Burro gigante') eine Sorte von Nebelung mit tetraploiden Chromosomensatz. Ebenfalls tetraploid ist die Rettichsorte 'Rex'.

  • 'Long black Spanisch' hat seinen Ursprung im Mittelalter (Shaker seeds, WEAVER 1997)

  • 'Eiszapfen'-artige Radies-Rettiche gehen bis auf das 17 Jahrhundert zurück (WEAVER 1997)

  • 'Sakurajima' Rettich, ist sehr zart und wird regelmäßig 6 kg schwer X), sozusagen der 'Superschmelz' unter den Rettichen.

  • Wassermelonen Rettich, sieht wirklich aus wie eine Wassermelone, innen rot und außen grün.

  • Die Koreaner nutzen dünn geschnittene grüne Rettichscheiben für Wraps und nennen sie Rettichpapier.

Sorten mit anderern Anwendungen
  • SCHLIPF (1859): "Als Sommer-Oelgewächse wurden schon öfters empfohlen: der Chinesische Oelrettig und die Sonnenblumen. Da aber das Gedeihen des Oelrettigs öfters sehr mißlich und der Samengewinn der Sonnenblume schwierig und zeitraubend ist, so ist ihr Anbau im Allgemeinen nicht besonders anzurathen, indem der Landwirth nur das anbauen soll, was ihm einen sicheren Ertrag abwirft."

    Als Gründüngung oder Zwischenfruchtanbau:

    'Black Jack'; 'Cosmos'; 'Defender' (oft mit Resistenz gegen Nematoden); die Rettichwurzeln hinterlassen, wenn die Pflanze im Ganzen ausgerupft wird, wunderbare Pflanzlöcher für junge Bäumchen. Durch Rettich wird der Boden ziemlich "Unkrautfrei". Wenn der Rettich auf der Fläche abfrieren darf oder abgeschlägelt wird. Er, hinterlässt der Folgefrucht viel Kalium und Phosphor (Trockensubstanzgehalt der Wurzel bis 4%K und 0,5%P). (WHITE, WEIL, 2010X)).

  • Sprossengemüse: '40 Days' (heißen in Japan "Geöffnete Muschel"-Rettiche)

  • Schoten als Gemüse gehen nicht nur beim echten Rattenschwanzrettich, sondern auch bei manch anderen japanischen Sorten oder Madras-Schoten-Rettich.

  • Daikon Rettich wird in einem alten japanischen Verfahren zur Eloxierung von Metallen benutzt.X) X)

Sorten die (gen-)technisch vergewaltigt wurden

CMS-Hybriden sind schon in Biosupermärkten aufgetaucht. EG-Bio schützt vor sowas nicht. Die hießigen Bio-Anbauverbände lehnen jedoch solche Sorten ab.

Brassicoraphanus, Raparettich, Radicole und Raphanaofortii sind intergenetische Hybriden zwischen Rettich und Kohl X).

Eine Sorte heißt 'Yellowstone'

Auslesekriterien und Saatgutgewinnung

Merkmale alter Sorten

Da Rettich die ältere Form ist, sollten traditionsbewusste Gärtner nur diese anbauen. Dann aber auf Dipolide Sorten achten!

  • Erntezeit auseinandergezogen
  • Schossneigung nicht einheitlich
  • Schultern

Unterschiede gibt und gab es bei den Sorten hinsichtlich der Rübenform und Farbe, sowie dem Sitz der Rüben im Boden:
Je nach Sorte schaut mehr oder weniger von ihr aus dem Boden heraus, denn einmal ist sie mehr aus der Wurzel und ein andermal mehr aus dem Hypokotyl gebildet.

Der Wurzelhals, bzw. das Hypokotyl ist der zwischen dem oberen Ende der Keimwurzel und den Keimblättern liegende Sprossabschnitt.

Der Anteil von Blatt zu Rübe ist ebenfalls von Sorte zu Sorte unterschiedlich. Wer aber "modern" meint, dass wenig Blatt erstrebenswert ist, der bedenke bitte, dass sich im Blatt die Stoffe bilden, die dann in der Rübe gespeichert werden!

Während des vegetativen Wachstums
  • Typische Rübenform, - länge. Rund oder "karottich", stumpf oder spitz oder "ponytail"

  • Farbe und Beschaffenheit der Rinde, ggf. Farbübergänge, rau oder glatt

  • Fester, saftiger, zarter oder krachender Rübenkörper

  • Geschmack, schärfer oder milder

  • Attraktivität für Kohlweißling und Nematoden

  • Typische Blätterform und –größe, Haltung der Blätter, Ausprägung der Blattspreite, Blattspitze und Blattfarbe

  • Schnelles Wachstum, schnelle Ernte (führt meist zu schlechter Lagerfähigkeit)

Während des generativen Wachstums
  • Größe, Dicke, Länge und Fleischigkeit der unreifen Schoten

  • Zeitpunkt des Schossbeginns, Sommerrettich möglichst spät (Hitzetolleranz)

Nach der Ernte in Genussreife
  • Geschmack der unreifen Schoten

  • Lagerfähigkeit, Haltbarkeit im Lager der Rübe (Winterrettich)

  • Eignung zum Kochen oder zum Rohverzehr von Rübe und Blatt (Zartheit, Holzigkeit, Blätter mit Härchen oder glatt, Stängel schön knackig)

Nach der Ernte des Saatguts
  • Farbe (gelblich, beige, touch rosa) und Größe (Sieb 3 – 5 mm), bzw. Tausendkorngewicht
UPOV Test Guidelines
  • No. 063 Orientalischer Rettich
  • No. 064 Gartenrettich
Vorschläge für unkonventionelle Züchtungsansätze
  • Mehrnutzungssorten für Blatt-, Stengel- und Rübennutzung je nach Alter

  • Die Sorte 'Münchner Bier' ist nach Larkcom (1991) bereits eine Zweinutzungssorte und eignet sich mit ihren bis zu 5cm langen Gliederschoten besonders gut auch for die Schotennutzung. Gleiches gilt für den 'Lila-Schoten-Rettich' und 'China Rose'; (letzterer nach WEAVER, 1997 angeblich direkt aus der Urform hervorgegangen sein soll.