Radies und Rettich

Erfahrungen aus erster Hand aus Coras Garten

Wenn sich Sorten kreuzen, muss das nicht unbedingt negativ sein. Man kann dadurch viel lernen. Mehr aus Zufall habe ich einst zwei Sorten Radieschen, die nebeneinanderstanden, nicht vollständig geerntete. Die verbliebenen Pflanzen schossen und blühten miteinander ab. Auch die Samenernte war mir damals nicht wichtig, so dass ich die abgestorbenen Samenträger einfach irgendwann in meinen Kompost und unter meine Johannisbeeren zum Mulchen stopfte. Daraufhin zeigten sich in der nächsten Generation kleine "Vampierzähnchen". Die runden 'halbrot-halbweißen' Radieschen hatten ihre Eigenschaften mit denen der 'Eisszapfen' vermischt. Heute gibt es solche Sorten zu kaufen, damals war ich die einzige, die sowas zeigen konnte. Die Folgegeneration, also die F2, sah übrigens meiner "Sortenhybride" sehr ähnlich, d.h es kam wieder zu mehr oder weniger länglichen Rettichen, die rote und weiße Rindenanteile besaßen.

Viele Gärtner glauben, nachgebautes Gemüse, welches nicht wie die Eltern aussäe, wäre ungenießbar. Aber wenn die Elternpflanzen essbar und gesund waren, dann sind es die Gemüsekinder fast immer auch.

Saatgutgewinnung ganz praktisch

Vögel lieben Rettichsamen, deswegen mussten in Bamberg, als die Ernte anstand, die Gärtnerfrauen ihre Fensterstores hergeben. Diese wurden zum Schutz über die Samenträger geworfen. Die Samen fallen zwar nicht im klassischen Sinne aus, jedoch fallen Spatzen in Scharen über sie her.

Der richtige Erntezeitpunkt für die Schoten ist, wenn ein Drittel trocken-bräunlich geworden und die Samen eines weiteren Drittels in noch grünen Schoten voll ausgebildete und fest geworden sind. Dann kann man die gesamte Pflanze ausrupfen und umgekehrt aufhängen, bis man mal Zeit zum Dreschen hat.

Das Problem ist nicht die Ernte der trockenen Schoten, sondern ihr Drusch. Bei höherer Luftfeuchte zieht das korkartige Fruchtgewebe Feuchtigkeit und das Dreschen fällt sehr schwer!

Mit wenigen Schoten kann man die Samenkörner mittels eines Mörser herausdrücken. Bei einer großen Menge ist das nicht mehr möglich. Man kann die sehr, sehr trockenen Schoten in einen Kopfkissenbezug geben und darauf mit Clogs (mit Weichschaumsohle) herumtreten. Die Samen sammeln sich beim Schütteln in einem Kissenzipfel.

Je nach Sorte benutzt man zum Säubern ein Sieb einer Maschenweite von 3 bis 4 mm. Die Samen sollten durchfallen und das Stroh oben auf liegen bleiben.

Tipps für Erhalter

  • Natürlich vorhandene Inkompatibilitätsmechanismen verhindern weitestgehend die Selbstbefruchtung.

  • Sorten können durch genetzte Käfige oder durch Entfernung isoliert werden. Wobei die Entfernungsangaben mit der Zeit immer größer wurden! "Reichten" im 19. Jahrhundert noch 120 Meter, müssen es heute schon bis zu 1000 Meter sein. Da frage ich mich, ob es wirklich soooo wichtig ist, 100% Sortenreines Saatgut zu ernten? Ich zähle mich da eher zur Klasse der Libertinisten, als zu der der Perfektionisten.

  • Je nach Zeitpunkt der Aussaat sind Radies/Rettich einjährig bis überjährig.

  • Wer verschiedene Sorten Radies/Rettich erhalten möchte, kann diese auch einfach zu verschiedenen Zeiten anbauen, also die eine im Frühjahr und die andere im Sommer oder Frühherbst. Der Samen hält keine ausgesprochene Keimruhe und keimt immer. Damit verschieben sich die Blühzeiten und es kann zu keiner Sortenvermischung kommen. Allerdings werden eventuell vorhandene jahreszeitliche Anpassung missachtet.

  • Über das Vernalisationsbedürfnis lässt sich genauso viel Unterschiedliches lesen, wie über die Herkunft unserer Rettiche. Einerseits sollen sie Kälte zur Blüteninduktion brauchen, anderseits wieder nicht. Eine Empfänglichkeit für den Kältereiz soll die Pflanze im Keimblattstadium haben. Andere Autoren beschreiben, dass auch Pflanzen mit mehreren Blättern noch empfindlich sind. Vielleicht ist das insgesamt eine Sortensache? Allgemein wird gesagt, das Sorten für den Sommeranbau gerne vorzeitig generativ werden, wenn sie im kühlen Frühjahr ausgesät werden. Solche vorwitzigen Schosser sollten nicht Samengeerntet werden!

  • Die Radies/Rettiche zeigen auch keinen ausgeprägten Photoperiodismus, steuern ihr Wachstum also weniger über die Beleuchtung. TINDALL (1991) schreibt, dass weißfleischige Rettiche eher im Kurztag blühen und rotfleischige eher an langen Tagen. Vielleicht ist es nicht die Lichtmenge, sondern die Lichtqualität (Blau-/Rotanteile), die die Pflanze als Kalender nutzt?

  • Sowohl der gewählte Pflanzabstand als auch die Saattiefe haben einen Einfluss auf die Rübenform. Um dies besser beurteilen zu können, empfiehlt es sich probehalber drei Reihen in jeweils unterschiedlicher Saattiefe anzubauen.

  • Auch Hitzewellen während der Wachstumsphase haben einen Einfluss auf die Rübenentwicklung. Hingegen hat Kälte einen größeren Einfluss auf die Blattentwicklung!

Groß (1918): Den wertvollsten Samen erhält man jedoch, wenn man zeitig eine Ansaat ins Mistbeet macht, hierauf die am frühesten knollenbildenden Pflanzen in ganz kleine Blumentöpfe bringt. Die Töpfe bleiben ist Mai im Mistbeet stehen. Sodann werden die Pflanzen mit Ballen auf ein feuchtes, humsreiches Beet im Geviert von 30 cm ausgesetzt.

  • Um die Wurzeln zu inspizieren müssen die Pflanzen spätestens zur Genussreife ausgegraben werden! (Rettich bilden immer, Radies fast immer Wurzel-Sprossknollen aus). Zur Verkostung wird die Wurzelspitze entfernt.

    Es war allgemein üblich, die Samenträger im Zuge dieser Inspektion, zu verpflanzen. Bereits hohle Rüben lassen sich weder probieren, umpflanzen noch einmieten!

LUCAS (1846): Samenzucht. Von der ersten Saat wählt man die schönsten Wurzeln und verpflanzt sie sorgfältig auf gut gelegene Beete, entfernt von anderen Rettigen 1' aus einander; der Same dauert 5 Jahre. Die Samenträger verlangen eine warme Lage sowie gehörigen Scvhutz gegen die Sperlinge, die dem Samen sehr nachstellen.

  • Das Überwintern in Situ (im Beet) funktioniert nur bei bestimmten winterharten Sorten (diese vertragen bis -10°C locker). Ansonsten empfiehlt sich der Versuch, im feuchten Keller Rüben ohne Laub einzuschlagen. Der Schimmel kann allerdings herbe Verluste verursachen.

  • Zum Überwintern wird das Laub also so abgeschnitten, dass der Vegetationskegel erhalten bleibt. Die Wurzelspitze kann vor dem Einschlagen, wie bei Karotten auch, verkostet werden (bei Daikons großzügiger als bei kurzen Sorten)!

  • Blühende Rettich und Radiespflanzen werden so groß wie Raps auf dem Feld, d.h. mannshoch! Wer die Samenträger nicht anbindet, dem fallen sie um, und die Mäuse haben ihren Spaß.

  • GROß (1918): Samenbau. Die Herbst- und Winterrettiche baut man für die Samengewinnung in der ersten Hälfte des Monats Juli und die Sommerrettiche im Verlaufe des Monats August (Ende) an. … Im Spätherbst werden die Wurzeln aus dem Boden herausgenommen. …. Im April gelangen die Wurzeln zur neuerlichen Auspflanzung …Die Schoten bleiben zur Reife geschlossen; das heißt, die Samen fallen nicht aus, aber auch die Vögel haben es auf sie abgesehen und picken sie an.

  • 100 Samen wiegen ca. 10 g. Diese Menge kann man von einem Quadratmeter locker ernten.

  • Rettich neigt bei künstlich erzwungener Selbstung schnell zu Inzuchtdepression X). D.h. wer ernsthaft über viele Generationen eine Sorte erhalten möchte, muss unbedingt auf eine ausreichend große Population achten, d.h. nach der Auslese müssen von mindestens 100 Pflanzen (Arche Noah) (bzw. 80 gemäß Seedsavers-Empfehlung) Saatgut abgenommen werden.

Anbautipps für Gärtner und Köche

  • Rettiche stehen im Erwerbsanbau in erster, im Hobbyanbau in zweiter, Radieschen besser noch in dritter Tracht. Frische Düngung vertragen beide nicht, denn insbesondere Mist zieht Maden an.

  • Je humoser und tiefgründiger der Boden, desto besser gedeihen Sorten mit langen Wurzeln. Je steiniger der Boden, desto eher sollte man auf runde Sorten oder gar Radies ausweichen.

  • Wie ihre vermeintlichen Vorfahren, die Ackerrettiche, wachsen sie besser in leicht sauren bis höchstens neutralen Böden!

  • Kartoffeln sind schlechte Vorfrüchte, jedoch hat man früher die beiden zusammen angebaut: Kartoffel auf dem Damm und Rettich in der Senke.

  • LANGE (1912) empfiehlt Sommerrettich in Mischkultur mit Rote Bete und Winterrettich mit Sellerie.

  • Radieschen werden gerne als Markiersaat verwendet, da ihr Saatgut preiswert ist. Sie keimen ganzjährig und machen bereits nach einem knappen Monat Platz für Möhren oder Lauch.

Der Rettich darf wie das Radieschen niemals frischen Stallmist, noch weniger Dunggüsse bekommen, sondern wird stets in zweiter Tracht gebaut. Bei Zwischenkulturen in erster Tracht (Sellerie, Kohlarten) ist der frische Dung nicht immer zu vermeiden. Es scheint jedoch, daß die energische Ausnutzung desselben seitens der Hauptfrucht den Rettich vor der schädigenden Wirkung bewahre. (LANGE, 1912)

  • Nur bei regelmäßiger Bewässerung, bzw. feuchtem Wetter gibt es knackige Wurzeln. Optimale Wachstumstemperaturen liegen um 15°C! Darüber werden Rüben pelzig.

  • Unbedingt die Blätter mit nutzen.

  • Erdflöhe sind in trockenen Jahren und auf sandigen Böden oft eine Plage. Da hilft nur viel gießen oder Anbau im sehr zeitigen, feuchten Frühjahr.

  • Die braunen Madengänge stammen von Kohltriebrüsslern oder Kohlfliegen. Wenn in der Nähe Raps oder Senf angebaut werden, hat man besonders Ärger. Sand um den Wurzelhals gestreut mildert ein wenig den Befall.

  • Rettich, als auch Radies lassen sich pikieren, falls sie etwa zu dicht gesät wurden!

  • Radies werden klassischerweise in Sätzen (also im Abstand von ca. einer Woche) gesät, so dass immer Frische auf den Tisch kommt.

  • Rettich: Die kürzeste Kulturzeit (3 Wochen von Aussaat bis Gemüseernte) haben sie bei der Aussaat im Mai, denn diese Sätze überholen sogar Frühere.

  • Für den sehr frühen Anbau empfiehlt sich die Abdeckung mit Vlies. Diese Praxis hält gleichzeitig Kohltriebrüssler und Kohlfliegen fern.

  • Auch von Radieschen lassen sich die unreifen Schoten ernten und roh essen. Das ergibt im Juni/Juli noch mal eine leckere Mahlzeit scharfem Radiesgeschmack.

  • Anbau im Winter: Radies bilden bei schwachen Licht schlechter Rübchen. Sie wachsen also nicht wirklich gerne im Gewächshaus.

  • Rettich hält im Kühlfach, wenn man die Blätter abgedreht hat, bis zu 3 Wochen. Radies fangen nach einer Woche das Schrumpeln an. Um das zu verhindern, packe ich sie gerne in ein klammes Geschirrtuch. Eingeschlagener Winterrettich (in Sand oder Sägespänen) mit derber Schale hält monatelang.

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