Von der wilden Art über die Landsorte zur Hybride

Population einer Art

Genpool einer Art

Wenn man aus dem Helikopter von allen Individuen an einem Standort alle Gene der Keimlinge (also die Erbinformation, die an die nächste Generation weitergegeben werden kann) einer Art sehen könnte, dann könnte das so aussehen.

Schön bunt, bzw. vielfältig.

 

 

Landsorte, oder der Beginn der Domestikation

Auslese, Beginn der Domestikation einer Art

Wenn jetzt aus der Art aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes eine Auslese betrieben wird, dann entsteht eine künstliche Variation der wilden Art, die der Mensch "Sorte" genannt hat. Auch wenn die ersten Auslesen, die der Mensch an Pflanzen vollzogen hat, sich rein auf das Aussehen bezogen, führten diese doch dazu, dass bestimmte Gene, die in der Wildpopulation noch vorhanden waren, ausgelesen wurden, also nicht auf dem Wege der Domestikation mitgenommen wurden.

Wenn die Gene aus dem Helikopter sichtbar wären, könnte das so aussehen (die weißen Pompon-Gene fehlen).

Die aussortierten Gene können für brüchige Spindeln von Ähren genauso stehen wie für Gifte.

Mutation

Spontan tritt eine Mutation auf (lila Pompon)

Die Eigenschaft wird geduldet oder gefördert, d.h. das Gen "vermehrt" sich

Zufällig hat sich eine Genmutation (dargestellt durch das lila Pompon-Gen) in der Landsorte ergeben. Die ersten Gärtner stellten fest, dass die dadurch neu hinzugekommene Eigenschaft für die Menschen positiv ist und sortierten es deswegen nicht aus. Es konnte sich in der Landsorte etablieren. Beispiele dafür wären z.B. das "Zuckergen" im Zuckermais, welches die Umwandlung von Zucker in Stärke verzögert.

Ob das alles wirklich Zufall ist, sei an dieser Stelle dahingestellt! Offiziell ist eine Mutation ein spontanes, nicht steuerbares oder vorhersagbares Ereignis. Sie kann zwar durch sogenannte mutagene (Erbgutverändernde=schädigende) Substanzen provoziert, aber eben nicht mit einem bestimmten Ziel absichtlich hervorgerufen werden.

Sorte im Sinne des Sortenschutzes

Sorte im modernen, rechtlichem Sinn

Um von der Landsorte zu einer "modernen" Sorte oder zumindest zu solch einer zu kommen, die vor dem Bundessortenamt angemeldet werden kann, muss weiter ausgelesen werden. Denn das Gesetz und seine Verordnungen fordern eine hohe Gleichförmigkeit.

Bankerts, man muss sie einfach gern haben

Original und Arthybride Tragopogon
Meine Lieblingshybride! Die bronzefarbene Arthybride (Tragopogon pratensis x porrifolius). Leider nahezu steril.
Aubergine Weiss x Ophelia
Aubergine 'Ophelia' x 'Eierfrucht' bekommen helllila und gelbe Kinder
Radies
Radies 'Halbrot halbweiß' x 'Eiszapfen': ihre Kinder werden zu 'Vampirzähnchen'
Zitronengurke x Vorgebirgstrauben
Gurke 'Zitronengurke' x 'Vorgebirgstrauben': Kinder werden gelb, lecker und dick
2017 09 05 Karotten Heike meine G120170905
Das kommt raus, wenn man rote, gelbe und weiße Karotten miteinander abblühen läßt, alles essbar!

Die Natur setzt auf Kreuzungen und belohnt dies hin und wieder mit Größe und Wüchsigkeit

Bankerts nannte man früher Kinder, die unehelich "auf der Bank" und nicht im Bett gezeugt wurden.

Sie wurden auch Bastarde geschimpft und hatten weniger Rechte als die ehelichen Nachkommen.

In adligen Kreisen achtete man sehr darauf, dass das "Blut" nicht standesgemäß "verunreinigt" wurde, und dementsprechend war es nicht verpönt, dass Verwandte (Cousins und Cousinen) einander heirateten. Heute würde man von Inzucht sprechen!

Soviel zum Menschen und jetzt zu den Pflanzen:

Im 19. und bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde allseits noch von Bastarden geredet (Rothmaler, Groß, etc.). Erst später wurde der Begriff durch "Hybride" ersetzt.

Haften geblieben ist der negative Beigeschmack: Hybriden müssen unfruchtbar sein und wenn sie doch Nachkommen haben, dann müssen diese zwangsweise verkrüppelt und minderwertig sein! Wobei ich vermute, dass hier die Ansichten über den Menschen einfach auf die Pflanzen übertragen wurden.

Kräftig kolportiert wird die Aussage jedenfalls von der Saatgutlobby, die ihr Züchtungswerk nicht nachgebaut sehen will und von zahllosen unwissenden Hobbygärtnern, Zeitschriften und Ratgebern.

Was ist aber eine Hybride (ein Bastard) in der Pflanzenwelt wirklich? Und noch viel wichtiger, wie genau ist dieser Hybridbegriff vom Menschen definiert worden?

Ganz neutral gesprochen ist eine Hybride ein Kreuzungsprodukt, also ein Nachkomme von Pflanzeneltern mit unterschiedlichen Erbanlagen. Solche Kreuzungsprodukte produziert die Natur zwischen Sorten/Varietäten, Arten und hin und wieder mal zwischen Gattungen. (Jedes Menschenkind ist übrigens eine Hybride!)

Man spricht also nur dann nicht von Hybriden, wenn die Pflanzeneltern einander extrem gleichen, sowohl äußerlich, als auch genetisch. Nun scheint es aber in der Natur so zu funktionieren, dass Kinder von weniger stark miteinander verwandten Wesen (innerhalb der Pflanzensorte, -art) häufiger besonders groß und wüchsig sind. Diesen Effekt hat man Heterosiseffekt genannt.

Und jetzt wird es kompliziert, auch weil Landwirtschaft und Gartenbau ein unterschiedliches Verständnis von Gleichheit einerseits und Hybriden andererseits haben.

Bei landwirtschaftlichen Kulturen ist das Interesse, den sogenannten Heterosiseffekt auszunutzen, am stärksten ausgeprägt. Hetero heißt unterschiedlich (wie in heterosexuell) und beschreibt eben, dass die Eltern voneinander verschieden sein müssen, um diesen Effekt zu provozieren. Man versucht nun, bei den wichtigen landwirtschaftlich Kulturarten diesen Effekt gezielt hervorzurufen, indem man möglichst unterschiedliche Eltern zusammenbringt. Damit der Unterschied zwischen Vater und Mutter immer gleich groß vorhanden ist, also berechen- und steuerbar, werden allerdings vorab die Väter untereinander absolut gleich gemacht und die Mütter untereinander auch. Das sind die väterlichen und die mütterlichen (Inzucht-) Linien, weil eben Inzucht eine Methode ist, um Homogenität, d.h. Gleichförmigkeit in einer Linie (Population) zu erzwingen. Man könnte also eine solche (Inzucht)Linie als eine besonders gleichförmige 'Sorte' beschreiben. Bei guter Führung müssen diese Linien keine sogenannte "Inzuchtdepression" aufweisen. Im Gegenteil, es wird von Profizüchtern penibel darauf geachtet, dass sich keine Gendefekte ansammeln.

Und jetzt wieder zum Menschen, wo man nach Absichten differenzieren sollte: Wenn ein Bauer sich bewusst für diese Art von Hybrid-Saatgut, die er zwar jährlich nachkaufen muss, entscheidet und dafür aber sicher mit dem Heterosiseffekt rechnen darf, ist das für mich, angesichts des mit dem höheren Ertrag einhergehenden besseren Einkommens, durchaus nachvollziehbar. Jedenfalls moralisch gesehen, wenn er kein Großgrundbesitzer ist und gerade mal seine eigene Familie ernähren muss. In meinen Augen auch nicht verwerflich sind die (noch nicht aufgekauften) kleinen Zuchtbetriebe, die den Bauern genau diese Art von konventionell gezüchtetem Hybridsaatgut zur Verfügung stellen. Unmoralisch wird es, wenn die Gier von Konzernbossen ins Spiel kommt, die wollen, dass wir nur Erzeugnisse aus ihren wenigen Sorten essen, die mittels fragwürdiger gentechniknaher Methoden hergestellt wurden und die auf wirklich riesigen (Monokulturen) Feldern angebaut werden. Die Gier ist menschlich, nicht pflanzlich.

Zurück ins Pflanzenreich: Die Natur hat selbst Methoden entwickelt, um Kreuzungen sich unterscheidender Eltern zu provozieren, hier spielt die Kooperation mit Insekten und Selbstinkompatibilitätsmechanismen eine große Rolle. Hier ist auch der Begriff "Fremdbefruchtung" zu verorten.

Und damit wieder zu den Menschen: Hingegen ist das menschliche Interesse am Heterosiseffekt bei Gemüsepflanzen nicht ganz so stark (Ausnahmen betätigen wie immer die Regel, z.B. Brokkoli), hier geht es bei der Hybridisierung zum einen darum, einen früher üblichen Nachbau zu verhindern (was ich persönlich verwerflich finde, denn meiner Ansicht nach gehören uns allen alle Gene gleichermaßen), und zum anderen geht es um Moden, denn gerade bei Gemüse ist schickes Aussehen sowie das Spiel mit Farben und Formen ein Teil der Verkaufsstrategie. D.h. da will der Verbraucher auch jährlich etwas Neues auf dem Teller sehen.

Für die Experimentierfreudigen unter den (Gemüse-)Samengärtnern ist es wichtig, zu wissen, dass das Wort Hybride oder der Zusatz F1 nicht Bestandteil des Sortennamens ist und somit vorhanden sein kann, aber eben nicht muss! (Beispiel: Die Tomate 'Harzfeuer' wird je nach Anbieter mit oder ohne F1-Namenszusatz angeboten!). Im Gegenteil, ich hege manchmal das Gefühl, dass gerade bei Gemüse F1 auch mal aufgedruckt wird, ohne dass sich gekreuztes Saatgut im Päckchen befindet!

Die sogenannten Gemüse-Hybrid-Sorten lassen sich häufig sehr wohl nachziehen und oft sind sie sogar wieder ihren Eltern sehr, sehr ähnlich. Und wenn nicht? Die Nachzucht ist in aller Regel*) essbar und vor allem interessant! Z.B. bringt im Kompost aufgegangenes Saatgut von ausgereiften selbst angebauten Hybrid-Zucchini-Früchten, auch in der nächsten Generation leckere Ernten! Wen interessiert es da, ob die Zucchini den Eltern zu 100% gleichen?

Es ist auch seitens der Profigemüsezüchter durchaus üblich, mit Hybridsorten weiterzuzüchten, auch um zu sehen, was die Konkurrenz so treibt!

Ein letztes Mal zurück zur Natur: Die Natur, die Meisterin der Vielfalt und Kombination (manchmal sogar zwischen Arten und Gattungen), ist nicht doof, sie hat Rahmenbedingungen geschaffen, die dafür sorgen, dass Nachkommen im Allgemeinen gesund auf die Welt kommen und wenn ihr Erbgut Fehler aufweist, dass sie dann bereits ungeboren abgehen. Das gilt für Pflanzen- wie Menschembryos gleichermaßen! So schützt die Natur uns allzu waghalsige Samengärtner auch vor schlechtem Saatgut!

Kreuzungen, Durchmischungen sind im Zierpflanzenbau durchaus gewollt. Bei Akelei, Calendula und Tagetes wird die Farb- und Formenvielfalt beim Eigennachbau viel mehr toleriert als bei Gemüse. Ich empfinde es als schade, dass dies bei Gemüse nicht so ist, denn es macht viel Spaß, zu gucken, was bei Kreuzungen raus kommt. Und hier setzt leider wieder der teils verkorkste menschliche Geist ein, denn der Mensch hat ja definiert, was überhaupt als Sorte angemeldet werden darf und verlangt leider u.a. Unterscheidbarkeit von anderen Sorten und Gleichförmigkeit innerhalb der Sorte! Also genau das, was naturwidrig ist.

Jetzt dürfte es jedem verständlich sein, dass es aus Sicht von Mutter Natur sogar unnatürlich ist, eine bestimmte Sorte über lange Zeit so zu erhalten, wie man sie einstmals bekommen hat.

Wenn man sich aber für den Sortenerhalt entschieden hat, weil es sich z.B. um seltene, alte Sorten handelt, dann ist es notwendige Praxis, "sortenfeste", d.h. echt fallende, frei abblühende Sorten anzuschaffen, genauestens zu beschreiben und dann, aber auch nur dann, peinlichst darauf zu achten, dass sich nichts ungewollt einkreuzt, egal wie nah oder fern verwandt.

 *) Bei Kürbisgewächs-Nachzucht immer den Zungentest auf Bitterkeit machen! Die Bitterkeit kann von einer Kreuzung herrühren, aber auch durch die Kulturführung bedingt sein.