Gewaltfreie Pflanzenentwicklung - Was ist das?

Können die Begriffe gewaltfreie Pflanzenentwicklung und artgerechte Kultur ein Ausweg aus dem Definitions-Dilemma zwischen "guten" und "schlechten" Sorten sein, welches sich durch den technischen Fortschritt in der Züchtung ergibt und was eine ständige ethische Neubewertung von Züchtungstechniken nach sich zieht?

(Cora Leroy 2020)

Braucht es angesichts sogenannter neuer Züchtungsmethoden eine ganz neue, andere Pflanzenethik?

Ich meine ja!

Mein Anliegen dabei: Ich möchte nicht nur einzelne Techniken als unethisch ablehnen, etwa Gentechnik allgemein und Genome Editing im Besonderen, und diese den landläufig "samen- oder sortenfest" genannten Pflanzen gegenüberstellen, sondern ich möchte ein Bewertungskriterium für künftige Methoden mitdenken.

Jedoch um eine Definition für eine gewaltfreie Pflanzenentwicklung zu postulieren, muss ich, ausgehend von der im Tierschutzgesetz angewendeten Ethik, Parallelen zu Pflanzen aufzeigen und damit die logische Voraussetzung schaffen, sie als Mitgeschöpfe mit Rechten wahrzunehmen.

Das sogenannte "Tierschutzgesetz" (TierSchG) ist aus der gefühlten "Verantwortung des Menschen" gegenüber dem Tier entstanden. Es sieht das "Tier als Mitgeschöpf" an und hat den Zweck (§1), dessen Leben und dessen Wohlbefinden zu schützen: denn "niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schaden zufügen" .

Unseren Mitgeschöpfen darf also kein unnützer Schmerz zugefügt werden, was ich gleichsetzen möchte mit der Ausübung von Gewalt. Sehr wohl dürfen Sie zur Nahrungsgewinnung schmerzlos geschlachtet werden.

Um beurteilen zu können, welche Mitgeschöpfe Schmerz empfinden, und welche Mitgeschöpfe ich somit vor Gewalt bewahren sollte, möchte ich eine allgemein anerkannte Definition zitieren:
„Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- oder Gefühlserlebnis, das mit tatsächlicher oder potenzieller Gewebeschädigung einhergeht… .“ So definiert die IASP dieses Phänomen.

Und die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. erklärt dazu noch den Zweck des Schmerzes: "Aus körperlicher Sicht gesehen stellen Schmerzen eine lebenserhaltende biologische Reaktion auf schädigende Einwirkungen dar – auch dann, wenn es noch nicht zu einer Gewebeschädigung gekommen ist. Alle höherentwickelten Lebensformen, insbesondere die Wirbeltiere, verfügen über dieses Frühwarnsystem." X)

Damit stellt sich einerseits die Frage, was eine höherentwickelte Lebensform ist und andererseits  geht es um die Frage, welche Lebewesen Schmerz empfinden können? Üblicherweise nämlich sprechen wir Pflanzen diese Wahrnehmung ab!

Ebenfalls allgemein nehmen wir an, dass Lebewesen höher entwickelt sind, wenn sie am Ende von entwicklungstechnischen Stammbäumen stehen (Mensch als Krone der Schöpfung) bzw. wenn sie hochkomplex sind.

Mir erscheint die Annahme allerdings absurd, dass Pflanzen weniger hoch und komplex entwickelt sein sollen als (z.B. Wirbel-) Tiere, denn bei gleichzeitiger Annahme einer aufbauenden, d.h. fortschreitenden Evolution, haben sie ja genauso lange Zeit für ihre Entfaltung gehabt. Ich denke eher, dass wir die pflanzliche Komplexität nicht verstehen und nur unzureichend erforscht haben. Zeigen sie nicht gerade durch ihre breitgefächerte Anpassung an Umweltbedingungen ihre hohe Komplexität?

Nochmal zum Schmerz, welcher praktisch betrachtet einfach nur ein Frühwarnsystem vor Gewebeschädigungen darstellt. Pflanzen müssen etwas Analoges entwickelt haben! Wie sonst könnten wir ihre Reaktionen auf solche Gewebeschädigungen feststellen? (Z.B. Bleiben Kräuter in häufig geschnittenen Wiesen kürzer um dem Schnitt zu entgehen: das kann man bei Löwenzähnen und Gänseblümchen selbst beobachten.

Mittlerweile weiß man sogar, dass Pflanzen sich gegenseitig vor drohenden Schäden warnen können! Sie tun dies nur nicht mittels Sprache, sondern anders als wir Menschen, nämlich mittels Duftstoffen. Aber die gezielte und vorausschauende Übermittlung von Information heißt Kommunikation und ist ebenfalls Merkmal einer "hohen" Entwicklungsstufe und damit Ausdruck von komplexen Lebewesen.

Pflanzen haben zahlreiche Sinne, wie etwa sehen, riechen, schmecken usw. . Das sagen zumindest mehr und mehr anerkannte Wissenschaftler, wie Chamovitz, Manusco und Wohlleben. Warum sollen sie dann kein Gewebeschädigungs-Frühwarnsystem entwickelt haben und im Umkehrschluss ebenfalls zu den höherentwickelte Lebensformen zählen?

(Weitere Quellen: https://www.swr.de/odysso/sind-pflanzen-intelligent/-/id=1046894/did=24055628/nid=1046894/6abpxo/index.html (Mithöfer, 2019 in SWR-Wissen odysso); https://www.welt.de/wissenschaft/article5804911/Pflanzen-besitzen-eine-besondere-Intelligenz.html Volkmann, 2010 in Welt-Wissen-Wissenschaft-Botanik)

Als höherentwickelte und im weitesten Sinne schmerzempfängliche Wesen wäre es konsequent, sie anlog zu Tieren als Mitgeschöpfe anzuerkennen. Und als anerkanntes Mitgeschöpf darf ihnen dann wiederum kein unnötiger Schmerz zugefügt werden. Man darf -also im Umkehrschluss-  mit ihnen nicht gewaltsam umgehen!

Zur Gewalt an Pflanzen gehört nach meinem Verständnis

1) jede gezielte Veränderung der Erbsubstanz um Pflanzen ohne ihr Mitwirken (also ihr "Einverständnis") an menschliche Bedürfnisse anzupassen,

2) auch die artuntypische Kultur unter vollständigem Ausschluss der örtlich herrschenden natürlichen Wachstumsbedingungen, also die Abschirmung vor natürlichen Evolutionsfaktoren, wie Luft, Licht, Wasser, Erde und Himmel, etwa durch permanente Kunstlichtberieselung und/oder erdlose Kultur und/oder in hermetisch isolierten Gewächshäusern und Klimakammern) gehört dazu, als auch oder ganz besonders

3) die Zwangsbestäubung gegen den pflanzeneigenen Bestäugungsmechanismus (also per Hand oder mittels chemischer Sterilisation durchgeführte Fremdbestäubung bei überwiegend selbstbestäubenden Arten und händische Selbstungen bei vorwiegend Fremdbestäubern, wie sie z.B. zur Schaffung von Inzuchtlininien praktiziert werden.)

 

Das Tierschutzgesetz hat mit der Vorgabe der artgemäßen Haltung eine Richtung gewiesen, wie unnötige Schmerzen verhindert werden sollen. Den Begriff "artgemäße Haltung" haben Verbände (z.B. bioland ®) dann in ihren Richtlinien präziser interpretiert und im Sprachgebrauch kann sich mittlerweile jeder etwas unter artgerechter Haltung von domestizierten Tieren vorstellen:

So gehört zu einer artgerechten Haltung die Rücksichtnahme auf angeborene Verhaltensweisen, die letztlich nur ausgelebt werden können, wenn hinsichtlich der Unterbringung der Tiere die Umweltfaktoren tierartspezifisch modelliert werden, d.h. das Tier hat indirekt ein Mitspracherecht, welches es dadurch ausübt, als dass es sich bei artgerechter Haltung artgerecht verhält und vermehrt. Im Ausleben der spezifischen Sexualität und Vermehrung sehe ich den wohl entschiedensten Ausdruck von angeborenen Verhaltensweisen.

Ich wünschte mir nun, dass dieser Ansatz auch auf domestizierte Pflanzen, also unsere Kulturpflanzen angewendet würde, dass auch sie artgerecht gehalten, bzw. artgerecht kultiviert würden.

Ich wünschte, dass es verboten wäre, Gewebeschädigungen durchzuführen, wie sie nur in Laboren zur Erzeugung und Vervielfältigung veränderter Pflanzen möglich sind (egal ob in der Natur theoretisch möglich also naturidentisch (nGMO) oder nicht, siehe Definition von GMO im Gentechnikgesetz).

Ich wünsche, dass es ebenfalls verboten wäre, die arteigene Sexualität missachtende Fortpflanzungstechniken bei Pflanzen anzuwenden (wie Selbstungen bei Fremdbestäubern, Anwendung von chemischen Sterilisationsmitteln  oder gar Protoplastenfusion über Artgrenzen hinweg).

Diese Techniken sind aus Evolutionssicht nutzlos und sowieso gewalttätig, denn sie missachten die Entität des Mitgeschöpfes Pflanze. Sie sprechen der Pflanze ein Recht auf angeborenes Verhalten (welches ja massiv verändert wird), arttypische Vermehrung und sogar die Ganzheit als Art ab. Ja sie sprechen ihr das Recht auf natürliche Evolution auf eine gewaltfreie Pflanzenentwicklung unter natürlich gegebenen Umweltfaktoren als auch in Kooperation mit allen fühlenden und empfindenden Mitgeschöpfen inklusive dem Menschen, ab.