Ein Pladoyer für Open-Source-Sorten

"Das reine Singen ist natürlich kostenfrei!" 1) heißt es in einer Broschüre auf den GEMA-Internet-Seiten. Das reine Essen auch?

Vor einigen Jahren ging ein Aufschrei durch die Presse, wonach Kindergärten für Kinderlieder GEMA-Gebühren zahlen sollten. Nachdem Rahmenverträge ausgehandelt und die Lizenzbedingungen klar formuliert wurden, hat sich die Aufregung gelegt. Jeder findet es heute selbstverständlich, dass man für Notenkopien, auch von traditionellem Liedgut, zahlen muss.

Leider auch selbstverständlich, bzw. zu wenige Gedanken machen wir uns, wenn wir bei jedem Saatgutkauf ggf. Gebühren an uns unbekannte Züchter oder Entdecker zahlen. Die Höhe der Gebühr ist für den Endverbraucher nicht offen ersichtlich und so teuer empfindet der Hobbygärtner ein einzelnes Päckchen Samen auch nicht. Im positiven Sinne dienen diese Gebühren im Falle des Sortenschutzes dafür, die Züchtungs- und Zulassungsarbeit zu entschädigen. Da es wenige, aber immer noch unabhängige Züchter gibt, ist vor allem zur Unterstützung dieser kleinen Firmen der Sortenschutz erst einmal in Ordnung. Durch das in ihm verankerte Züchterprivileg darf jeder sogar mit geschützten Sorten weiterzüchten, die Gene welche die Eigenschaften einer Sorte festlgegen gehören also niemanden.

Das Weiterzüchten ist für Fachleute sogar mit Hybriden möglich und üblich. Und vielleicht gerade deshalb gehen die im Sortenschutz klar definierten Rechte den wenigen Saatgutoligarchen nicht weit genug…

Saatgutoligarchen geht es um noch größere Kontrolle, die letztlich dazu führen wird, dass wenige Firmen alles was wir essen bestimmen können (sogar Fleisch, denn zur erfolgreichen Produktion stehen jede Menge hochgezüchteter Futterpflanzen bereit).

Was würde der Gärtner sagen, wenn er bestimmte Gene, Gensequenzen oder gar gesamte Pflanzen aufgrund der geistigen Eigentumsrechte großer Konzerne nur noch eingeschränkt verwenden dürfte bzw. für das Saatgut und zusätzlich für die Anbautechniken und dann noch für das Ernteprodukt zahlen müsste? So kann ein Patent im Gegensatz zum Sortenschutz nämlich formuliert sein. Bis heute wurden in Europa etwa 2800 Patente auf Pflanzen genehmigt, schreibt das Umweltinstitut München2). Patentrechtlich geschützt wurde auch ein konventionell, d.h. ohne Gentechnik gezüchteter Brokkoli: sein Saatgut und der Verkauf des marktfertigen Gemüses unterliegen der Abgabe von Gebühren an den rechteinhabenden Konzern.

Der Versuch ein Resistenz-Gen auf eine Melone patentieren zu lassen, scheiterte immer wieder. Der Konzern gewann aber schlussendlich und jetzt ist dieses, in Indien natürlich vorkommende Gen, doch patentiert worden. Damit kann der Konzern seine im Patent formulierten Ansprüche bei jedem Kürbisgewächs auf der Welt welches dieses Gen zufällig oder durch Züchtung im Genom trägt geltend machen!

Um das mit dem anfänglich gegebenen Beispiel zu vergleichen, wäre es dann so, als ob eine bestimmte Note nicht mehr beim Komponieren neuer Lieder verwendet werden dürfte! Das klänge anfänglich schräg und später würde vielleicht jegliche Musik verstummen oder nur noch zahlungskräftigen Musikern zur Verfügung stehen!

Um solche Auswüchse zu verhindern, sind idealistische Menschen auf die Idee gekommen einen offenen Schutz zu erfinden mit dem sie erreichen wollen dass das was uns die Natur bereitstellt weiterhin allen gehört! Sie möchten, dass jeder Zugang zu den Basisinformationen, oder im Fall von Pflanzen, auf die Gene hat und mit ihnen auch uneingeschränkt weiterzüchten oder die pflanzlichen Produkte nach eigenem Gusto weiterverarbeiten darf. Schon pervers, dass ein Gemeingut und im speziellen eine Pflanze in diesem Sinne geschützt werden muss! Geschützt eben vor der Raffgier großer Agro-Konzerne. Aber um eine negative Privatisierung, d.h. eine Aneignung durch die Saatgutoligarchen zu verhindern, ist das heutzutage leider nötig und diese Praxis sollte von viel mehr Menschen unterstützt und weiterbetrieben werden.

Weltweit entstand aus diesem Bestreben eine Bewegung, die sich "Open Source Seed Initative" nennt. Auch in Deutschland gibt es schon einige Unterstützer. So ist an der Uni Göttingen eine offenlizensierte Tomatensorte entstanden, sie heißt 'Sunviva' und darf nun von Jedermann auch kommerziell vermehrt oder weitergezüchtet werden.

OpenSource oder Freies Saatgut, bedeutet eben nicht, dass Mensch die Produkte seiner Gartenarbeit zwanghaft verschenken muss, sondern nur, dass der Züchter und Gärtner nicht von Dritten immer wieder, Lizenzgebühren verlangen kann. Mit seinen gartenbaulichen Erzeugnissen, seien es Samen, Pflanzen oder Gemüse kann er selbstverständlich handeln. Nicht aber mit der züchterisch, geistigen Arbeit. Letztendlich bewirkt OpenSource, dass die durch die Natur zusammengestellten Gene, und damit die Weisheit der Natur, für alle Zeit jedem Menschen 'gehören'. Sie bleiben Gemeingut, was sie Jahrmillionen waren!

OpenSourceLizenztext

4)  Züchtung: im Netzwerk des ökologischen Freiland-Tomatenprojekts der Universität Göttingen

1) VG Musikedition (Hrsg.), Kopier-Lizenzen für Musikschulen, Kirchengemeinden, Kindergärten und Volkshochschulen, Kassel, 2013 veröffentlicht auf Seiten der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA) https://www.vg-musikedition.de/fileadmin/vgweb/public/pdf/VG-Musikedition-Kopierlizenzen.pdf

 2) http://www.umweltinstitut.org/themen/landwirtschaft/patente-auf-leben.html