Saatgutqualität betrachtet unter dem Aspekt der Machbarkeit für Laien und Hobbygärtner

Die Saatgutqualität steht bei vielen Saatgutaktivisten sehr hoch auf der Agenda. Nur was versteht man darunter? Kann man im Hausgarten, d.h. als Hobbysamenbauer qualitativ hochwertiges Saatgut gewinnen?

Jeder Laie, bzw. Hobbygärtner hat die große Freiheit selbst festzulegen was ihm wichtig ist und welchen Aufwand er/sie betreiben möchte. Das eigene Ziel und der Aufwand müssen in einem machbaren, also zu bewältigenden Einklang stehen.Ich behaupte:
"Ja, man kann.....
.... mit klitzekleinen Einschränkunten"!

Es kommt eben darauf an, was man als Hobbysamenbauer mit dem nachgebauten Saatgut machen möchte, also ob überhaupt und wenn ja, wo, bzw. über wen Saatgut weitergeben wird.

Als Sortenerhalter/-vermehrer im Namen von Arche Noah X) , dem VEN, dem VERN X) oder prospezierara X) sind die von diesen Vereinen aufgestellten Vermehrungsrichtlinien einzuhalten, die ich hier nur verlinke. Gleichzeitig wird in den meisten Fällen eine Vereinsmitgliedschaft, eine Schulung oder ein Vertrag vorausgesetzt.

Vielen Hobbygärtnern und Laien gehen bereits diese Bedingungen zu weit und wem ein wirtschaftlicher Erfolg nicht wichtig ist, dem biete ich hier Methoden, wie man als Laie, zu guter Saatgutqualität kommt.

Damit ist die Weitergabe (Verkauf, Geschenk, Tausch) im kleinen Rahmen auf Frühjahrsmärkten und privaten Internetangeboten möglich und legal.

Zuerst möchte ich aber näher erklären, was sich hinter dem Begriff "Saatgutqualität" alles verbirgt.

Saatgutqualität ist rechtlich penibel definiert und gliedert sich in die vier Kriterien auf:

- Sortenreinheit,
- Degenerationsvermeidung,
- Hygiene und
- Kennzeichnung.

Da vielen Hobbygärtnern bereits diese Bedingungen, welche sich stark an den gesetzlichen Vorgaben orientieren, zu weit gehen und sie vielleicht auch nicht über das notwendige botanische und technische Wissen verfügen, sehen sie von einer Saatgutvermehrung ganz ab.

Dies hat zur Folge, dass Gartenflächen, auf denen Saatgut für echte Selbstversorgung und damit echte Nahrungsmittelsouveränität, ungenutzt bleiben!

Dies hat auch zur Folge, dass wertvolle aber unbekannte Sorten, welche nicht zum Vereinssortiment gehören, von einzelnen enthusiastischen Hobbysamenbauern zwar vermehrt werden, aber auf Grund der häufig zu kleinen Population langfristig drohen zu degenerieren oder gar ganz verloren gehen!

Dies hat weiterhin zur Folge, dass das Wissen über Saatgutvermehrung weniger wird. Dieses Wissen ist nur zum Teil in Büchern darstellbar. Es hat viel mit handwerklichen Geschick und Erfahrung zu tun, die über die Jahre aufgebaut wird.

Deswegen möchte ich hier Tätigkeiten beschreiben, die ohne viel Wissen einfach von jedermann umzusetzen sind und schon eine gehörige Qualitätssteigerung mit sich bringen.

Denn auch mit weniger Aufwand lässt sich eine passable Saatgutqualität erreichen, zumindest, wenn man eben nicht den wirtschaftlichen Erfolg oder eine vertraglich gebundene Sortenerhaltung für einschlägigen Vereine anstrebt.

1. Kriterium: Sortenreinheit

Worum es geht: Ziel ist es zu verhindern, dass sich Sorten vermischen und damit auch ihre Eigenschaften. Die die Sorte prägenden Eigenschaften sollen über viele Generationen erhalten bleiben.

Aber mit Sortenreinheit muss man sich nur dann beschäftigen, wenn es von einer Art Sorten gibt!

Für einen Anfang kann man sich an den Angaben auf dem Saatguttütchen orientieren.

Bei manchen Kräutern oder Nischengemüsen sind keine Sorten ausgelesen worden, z.B. Guter Heinrich, Postilein und Haferwurzel.

Im Anbau erreicht man Sortenreinheit, indem

  • man mit Saatgut beginnt, dass aus einer vertrauensvollen Quelle von einer nachbaufähigen Sorte stammt (landläufig oft als samenfest bezeichneit),
  • man nur jeweils eine einzige Sorte einer Art im Garten anbaut!

Auf Feldern betrifft das meisten die Arten Zea mays und Brassica napus, die sich mit Zuckermais und mit Kohlrüben kreuzen können. Es gibt zwar noch weitere landwirtschaftlich genutzte Kulturen, die mit Gemüsen verwandt sind, diese lassen die Bauern aber nicht blühen, somit besteht keine Kreuzungsgefahr, etwa Zuckerrüben, die mit Mangold gekreuzt werden könnten.

Einen höheren Grad an Sortenreinheit erreicht man, indem

  • man Fruchtgemüse ins eigene Gewächshaus pflanzt,
  • oder, wenn kein Gewächshaus da ist, sich mit den Nachbarn auf jeweils die gleiche (nachbaufähige) Sorte einer Art einigt, und
  • darauf verzichtet Samen von Arten zu gewinnen, die auf angrenzenden Feldern blühen, nämlich Zuckermais und Kohlrüben.

Letztlich erreicht man damit, dass man mehr Abstand zwischen den Sorten schafft und die Kreuzungsgefahr dadurch geringer wird. Zwar ist damit keine 100%ig Sortenreinheit garantierte, aber i.d.R. erhält man ein sehr passables Ergebnis mit dem man über Jahre weiterarbeiten kann.

Auf diese Weise praktizierte Sortenreinheit setzt keine Kenntnisse über Bestäubungsmechanismen und andere botanische Kenntnisse voraus.

2. Kriterium: Degenerationsvermeidung

Worum es geht: Man möchte verhindern, dass Erbschäden auftreten. Solche Entartungen treten gehäuft durch Inzucht auf, d.h. wenn die Vermehrungsgemeinschaft (die Anzahl der Pflanzen) zu klein ist: also, wenn Samen von wenigen, miteinander sehr eng verwandten Pflanzen über mehrere Generationen hinweg gewonnen werden.

Schuld ist meist der Platz, den man als Hobbygärtner nicht hat. Trotzdem gibt es Möglichkeiten den geringen Platz optimal auszunutzen.

Unabhängig vom Bestäubungsmechanismus gehen Wissenschaftler davon aus, dass eine Population aus mindestens 50 bis 500 Individuen bestehen muss um langfristig (über 1 Jahrhundert) überleben zu können. Trotzdem gibt es kein Naturgesetz, welches besagt, dass es immer zu Inzuchtdepressionen kommen muss. Und außerdem ist die Evolution reich von "Flaschenhals"-Geschichten, also Beispielen, wo wenige überlebende Individuen wieder große gesunde Bestände gebildet haben.

Im Anbau verhindert man Degeneration, indem

  • man möglichst viele Pflanzen einer Art und Sorte anbaut und
  • Freunde bittet das gleiche nachzubauen und das Saatgut im Anschluss zusammen mengt.
  • Oder zusätzlich Blumenrabatte und Staudenflächen nutzt und hier weiter Samenträger anbaut.
  • Oder Samen von zwei Jahrgängen zusammen mengt, das geht zumindest bei Arten, deren Samen vier Jahre und länger haltbar sind.
  • Und/Oder einen Beetplan aufstellt und überlegt, wie man mit dem vorhandenen Platz umgeht, und sich vielleicht auch einschränkt. Einschränken heißt, weniger Arten vermehren.

Wer einer Degeneration sicher vorbeugen möchte, der sollte Saatgut immer von mindestens 50 samentragende Pflanzen ernten.

Trotzdem wird man mit den wenigen oben genannten Maßnahmen, bzw. mit jedem Samenträger mehr, die Gefahr einer Degeneration bannen: jede weitere Pflanze ist ein großer Schritt in Richtung Stabilität.

Inzuchtdepressionen werden so vielleicht nie eintreten und wenn man doch zu erkennen glaubt, dass die Pflanzen ihren Eltern nicht mehr gleichen, dann besorge man sich aus den vertrauenswürdigen Quellen neues Saatgut.

3. Kriterium: Pflanzenhygiene

Worum es geht: Das Saatgut soll gesund sein. Es dürfen über das Saatgut keine Krankheiten, sogenannte samenbürtige Keime, weitergeben werden.

Der Begriff „samenbürtig“ bezieht sich auf die an der Samenschale anhaftenden Pilze und Bakterien. „Samenbürtig“ bezieht sich nicht auf vererbbare Krankheiten, es sind keine Gendefekte gemeint.

Pflanzenhygiene geht Hand in Hand mit Sauberkeit und Gesundheit auf dem Beet und im Samenlager. 

Pflanzenhygiene betrifft auch das Erntegut, denn an sauberen, trocknen, spreufreien Samenkörnern können weniger Schimmelsporen oder andere Krankheitskeime anhaften.

Im Anbau erreicht man Pflanzenhygiene, indem

  • man konsequent alle Pflanzen, die man als krank erkennt aus dem Samenbeet entfernt und entweder kompostieret oder in der Küche verarbeitet!
  • Geerntete und gesäuberte Samen lasse man noch 14 Tage unverschlossen nachtrocknen, bevor man sie luftdicht abfüllt.

Berücksichtigt man zusätzlich noch folgende Punkte, erntet man sicher gesundes Saatgut.

  • Man lasse die Samen vollkommen ausreifen und nehme die Samenernte nur bei trockenem Wetter vor.
  • Das Saatgut reinigt man so weit als möglich, d.h. befreiet es von Spelzen, Blättern, Stängeln und Steinchen, etwa durch mehrfaches sieben und windsichten.

Wenn man Pflanzenhygiene so praktiziert, dann braucht man kein Spezialwissen über samenbürtige Keime und im Lager wird einem auch kaum etwas verschimmeln.

Trotzdem sollte man Saatgut vor der nächsten Verwendung prüfen, denn schimmeliges, gepunktetes, löchriges Saatgut, eignet sich weder für die eigene Aussaat noch zum Verschenken.

4. Kriterium: Transparenz und Vitalität

Worum es geht: Wenn man Saatgut erhält (egal ob gekauft, getauscht, geschenkt), möchte man Gewissheit über die Sorte als auch die Keimfähigkeit und Triebkraft haben.

Nicht beschriftete Gläser und Tütchen sind schnell mal verwechselt und nicht jeder erkennt die Pflanzenart am Samenkorn und Sorten einer Art lassen sich optisch schon gar nicht unterscheiden.

Auch Hobbysamenbauer sollten bei der Weitergabe von Saatgut, dieses ordentlich kennzeichnen, d.h. beschriften.

Transparenz erreicht man, indem

  • man bei jedem Anbauschritt, d.h. von der Aussaat bis zur Samenernte und von der Vorratspackung bis zur Portionstüte jeweils die Art, die Sorte und das Anbau- und Erntejahr auf dem Etikett oder auf dem Behälter schreibt.
  • Bei jedem Umfüllen und Abpacken in kleinere Portionen müssen diese Angaben auf jedes Tütchen übertragen werden.

Darüber hinaus bitte ich darum, die Herkunft des Ursprungssaatgut anzugeben und das wievielte Mal der Nachbau im eigenen Garten geglückt ist.

Wenn Kennzeichnung so praktiziert wird, dann sind Verwechselungen ausgeschlossen und Transparenz ist geschaffen,

 

Die Vitalität bezieht sich auf Keimfähigkeit und Triebkraft der Sämereien Totes Saatgut möchte man nicht einmal geschenkt haben.

Vitalität weist man nach, indem

  • man nach der Samenernte und Reinigung einen Keimtest macht und dessen Ergebnis notiert

Bereits mit 10 Samen pro Sorte (mehr ist immer besser!), die auf der Fensterbank bei Zimmertemperatur auf feuchtem Papier mit Klarsichtfolie abgedeckt (=gespannte Luft) 10 Tage lang beobachtet werden, kann bei vielen Arten eine Aussage über die Vitalität getroffen werden. Wenn weniger als 70% (also 7 Samen) keimen, sollte man das Saatgut bestenfalls noch für sich selbst verwenden.

Mehr zu einem aussagekräftigen Keimtest findest Du hier.